Selbstmord in der Kirche – KATJA KABANOVA am Musiktheater Linz

Carina Tybjerg Madsen als KATJA KABANOVA von Leos Janàcek am Musiktheater Linz in der Inszenierung von Peter Konwitschny © Reinhard Winkler

Ich beginne nun eine neue Oper zu komponieren. Die Hauptperson ist eine Frau mit zartem Gemüt. Beim bloßen Gedanken schwindet sie. Ein Hauch würde sie verwehen – und wie erst der Sturm, der über sie hereinbrechen wird!“ – schrieb Leos Janàcek an seine Muse und Projektionsfigur Kamila Stösslovà und schon daraus erkennt man des Komponisten bedingungslose Empathie, Sympathie und Wärme für die Hauptfigur seiner im November 1921 in Brünn uraufgeführten Oper in drei Akten, KATJA KABANOVA. Der Text nach dem Schauspiel GEWITTER von Alexander Ostrowski stammt von Janàcek selbst. Die Oper wird am Musiktheater Linz in der von Sir Charles Mackerras und Karl Heinz Füssl herausgegeben musikalischen Fassung gespielt.

Regisseur Peter Konwitschny, der vom Weltmusik aus der mährischen Provinz schaffenden Operngenie bereits JENUFA, DIE GERISSENE FÜCHSIN, DIE SACHE MAKROPULOS und AUS EINEM TOTENHAUS inszeniert hat, wird nun sein Wunsch, auch KATJA KABANOVA in Szene zu setzen, erfüllt. In unterschiedlichen psychologischen und sozialen Facetten, ganz wie es immer die Art dieses Regiealtmeisters war, bringt er die Handlung auf die Bühne und auch, wenn er, was zu erwarten war, wieder eine Neudeutung wagt, erzählt er, ganz aus der berührenden, grandiosen Musik heraus entwickelt, die Geschichte einer jungen Frau, die an ihrer grausamen Umwelt zerbricht. Personenführung und Personenregie sind bei ihm, wie immer, subtil, psychologisch fundiert, die Beziehungen der Handelnden klar und deutlich herausstellend. Seine Idee zur Bühne wird von Karin Waltenberger künstlerisch umgesetzt, die auch die Kostüme entworfen hat, für die Dramaturgie ist Christoph Blitt verantwortlich. Die deutsche Textfassung stammt ebenfalls von Konwitschny, unter Mitarbeit von Blitt.

Die Titelheldin ist für Konwitschny ein spezieller Charakter – einerseits hat sie ein besonders sensibles Verhältnis zur Natur, andererseits besitzt sie die Fähigkeit, sich das Leben zu nehmen. Zerstörerische Mechanismen führen zu diesem Selbstmord. Bei Konwitschny spielt die ganze Inszenierung in einem surreal verzerrten Kirchenraum im Heute, um die krassen Unterdrückungsmechanismen, die die Gesellschaft in diesem Stück prägen und an denen Katja schließlich auch zerbricht, zu verdeutlichen und dass sich Menschen von heute in der Handlung wiederfinden können. Am Schluss stürzt sich Katja nicht in die Fluten der Wolga, die letzte Szene spielt in der Krypta der Kirche, wo sie sich selbst auf einen Altar legt. Katja, die erkannt hat, dass sie dem übermächtig rigiden, gesellschaftlichen Umfeld nicht entfliehen kann, findet den Weg in die Freiheit nicht im Gang ins Wasser, sondern in den Tiefen der Kirchengruft. Überwiegend beklemmende Bilder, die lange nachwirken, gelingen Konwitschny, dass er zum Schluss des zweiten Aktes, wo die beiden Liebespaare im Doppelduett auf Seilen über der Bühne schweben, auch einmal ins Banale verfällt, solch‘ romantischen Kitsch sieht man ihm gerne nach.

Markus Poschner, Chefdirigent beim Bruckner Orchester Linz und am Musiktheater Linz noch bis Ende der nächsten Saison 2026/27, setzt am Pult dieser szenischen Drastik bewusst entgegen, indem er die sanft fließenden, lyrischen Passagen des herrlichen Werkes geradezu überbetont: so schön klingt Janàcek selten. Die heftigen, kleinzeiligen Passagen könnten zwar durchaus heftiger, durchgepeitschter klingen, es gelingt dem vielseitigen Dirigenten, der jetzt auch Leos Janàcek für sich entdeckt hat, mit dieser Gangart aber überzeugend, von Beginn an eine ungemein starke, latent bedrohliche Spannung aufzubauen und während der ganzen Aufführung bis zum Schluss zu halten. Das am Premierenabend des 26. April 2026 in allen Gruppen sehr gut aufgestellte Orchester folgt seinen Intentionen mit spürbarer Begeisterung.

Überzeugend ist auch die Besetzung. Ansprechend singt Manuela Leonhartsberger als Barbara, bedrohlich bassgewaltig gibt Michael Wagner Dikoj, mit brüchiger Stimme, aber abgründig böse, dämonisch, beißt Clarry Bartha als Kabanicha. Ungewohnt stark bei Janàcek sind dieses Mal die Tenöre: Jonathan Hartzendorf als Kudrjasch, Christian Drescher als Tichon und vor allem Matjaz Stopinsek als schwelgerisch schmachtender Boris. In der Titelrolle gefällt Carina Tybjerg Madsen, die alle Facetten dieser Frauenrolle bewegend erfüllt, und die Partie mit lyrisch flutendem wie leuchtend gleißendem Sopran zu gestalten weiß.

Die heftige Zustimmung am Ende für alle Beteiligten wird hoffentlich mehr Publikum in die Reprisen locken, war die Premiere doch bedauerlicherweise eher schütter besucht. Die Opern-Ausflug nach Linz zu Leos Janàcek lohnt jedenfalls.

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Portait Thomas Rauchenwald
Thomas Rauchenwald
Autor des Blogs „Simply Classic“

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