Ein Erlebnis überragender Liedgestaltung – Michael Spyres in der Wiener Staatsoper

Michael Spyres begeistert mit Liedzyklen von Beethoven, Wagner, Mahler, Strauss und Korngold an der Wiener Staatsoper © Dasha Buben

Ein in Vergessenheit geratenes Stimmphänomen ist der sogenannte „Baritenor“, eine Stimmlage, die sich während der gesamten Operngeschichte gut sichtbar in vielen Werken für Musiktheater versteckt hat, man denke beispielsweise an Rollen in Opern von Rossini, Mozarts „Idomeneo“, Chapelou in Adams „Le postillon de Lonjumeau“. Wagner etablierte die Neuausrichtung des Baritenor-Stimmfaches und begann im „Lohengrin“ einen Weg, der zum Heldentenor führen sollte, Offenbachs destilliert die Geschichte dieses Stimmfaches, indem ein gemeinsamer Faden in die Vokalkomposition der Titelrolle in „Les contes d’Hoffmann“ eingewebt ist, vor allem das Stimmfach „Baryton-Martin“ erwies sich um die Wende des 19. und 20. Jahrhunderts als letzter Hoffnungsträger des Baritenos.

Diesem Stimmfach zuzuordnen ist auch einer der interessantesten und – technisch stimmlich, sängerisch und gestalterisch – besten Sänger unserer Zeiten, der aus Mansfield, Missouri, USA, stammende Michael Spyres. „Lohengrin“ an der Opèr du Rhin in Strasbourg, Stolzing in „Die Meistersinger von Nürnberg“ in Bayreuth und Tristan in „Tristan und Isolde“ an der Metropolitan Opera New York von Wagner hat er bereits gesungen, an der Wiener Staatsoper stand er bereits höchst erfolgreich als Bacchus in Strauss‘ „Ariadne auf Naxos“, Florestan in Beethovens „Fidelio“, und, ereignishaft, als Pfitzners „Palestrina“ auf der Bühne. Bevor er im Haus am Ring in den nächsten Wochen als Siegmund in Wagners „Die Walküre“ und Nemorino in Donizettis „L’elisir d’amore“ auftreten wird, war der enorm vielseitige Sänger am 28. April 2026, subtil mitgestalterisch begleitet, bedauerlicherweise mit Unsicherheiten im Klavierspiel, von Mathieu Pordoy am Bösendorfer-Flügel, mit einem langen, ungemein anspruchsvollen Liederabend zu erleben.

Seine gewiss eigenartige, aber außergewöhnliche Stimme funktioniert auch bei diesem, einem Sänger vollends fordernden Genre. Das Organ fließt ebenmäßig, mit wunderbarer Legato- und Phrasierungskultur, wobei er gewisse unbetonte Konsonanten in Kauf nimmt. Ein wenig erinnern die körnige Textur an Richard Tucker, das Stimmglühen an Franco Corelli, die Phonation an Richard Tauber, das Leuchten an Leo Slezak – dennoch ist die Stimme charakterstark, prägnant, mit einer eigenen, an große Tenöre der Schellackzeit erinnernden, glanzvollen Patina, ständig auf Artikulation und Diktion ausgerichtet, höchst textverständlich wie wortdeutlich.

Der Abend gerät denn zur reinsten Freude für Stimmliebhaber. Musste sich sein auch das Ohr äußerst umschmeichelnde Organ bei ADELAIDE und dem Zyklus AN DIE FERNE GELIEBTE von Ludwig van Beethoven zu Beginn noch etwas einschleifen, geraten die WESENDONCK-LIEDER von Richard Wagner noch vor der Pause beeindruckend, vor allem „Im Treibhaus“, „Schmerzen“ und „Träume“. Nach der Pause dann die LIEDER EINES FAHRENDEN GESELLEN von Gustav Mahler, dessen brutal zerschmetternde Stimmungen nachdrücklich eingefangen werden, und, gewiss die Highlights des Abends, VIER LIEDER op. 27 von Richard Strauss, und UNVERGÄNGLICHKEIT von Erich Wolfgang Korngold. Bei Korngold – man wünscht sich den sympathischen Sänger bald als Paul in dessen „Die tote Stadt“ zu erleben – und bei Strauss ist Spyres vollends in seinem Element. Die unterschiedlichen Charakterstudien von Strauss‘ op. 27, die zu den beliebtesten des Komponisten überhaupt zählen – „Ruhe, meine Seele“, „Cäcilie“, „Heimliche Aufforderung“ und „Morgen“ – werden in ihrer ganzen gesteigerten Rauschhaftigkeit einerseits wie sublim zarter Lyrik anderseits – vollkommen erfasst und interpretiert.

Der Sänger, der vor 24 Jahren nach Wien gekommen war, um hier zu studieren, die Stadt ist auch seine zweite Heimat, wie er bekennt, bedankt sich beim begeisterten Publikum mit „An die Musik“ D 547 von Franz Schubert und dem elogenhaften „Sonett für Wien“ op. 41 von Korngold.

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Portait Thomas Rauchenwald
Thomas Rauchenwald
Autor des Blogs „Simply Classic“

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