Schostakowitsch in beklemmender Intensität: Sir Antonio Pappano mit dem London Symphony Orchestra im Wiener Musikverein

Sir Antonio Pappano mit dem LSO im Wiener Musikverein © Thomas Rauchenwald

Wieder einmal zu Gast im Musikverein Wien ist das London Symphony Orchestra und spielt im Rahmen des Musikverein Festivals „Beethovens Spazierstock“ zwei Konzerte unter seinem Chefdirigenten seit der Saison 2024/25, Sir Antonio Pappano.

Im ersten Konzert am 27. April 2026 steht im Großen Saal als Hauptwerk nach der Pause die Symphonie Nr. 5 d-moll op. 47 von Dmitri Schostakowitsch – von Jewgeni Mrawinski in Leningrad uraufgeführt im November 1937 – auf dem Programm. Von ein paar kleinen Unsicherheiten im Blech abgesehen, ist das Orchester in allen Instrumentengruppen bestens aufgestellt und interpretiert Pappano das großartige Werk in höchster, nahezu beklemmender, Intensität.

Eine ungeheuer bedrohliche, nie nachlassende, latente Spannung beherrscht diese Wiedergabe über die ganzen vier Sätze des Werkes. Nur wenigen Dirigenten gelingt es heute, die verschiedenartigen Emotionen, die diesem Werk innewohnen, derartig bewegend zu vermitteln. Da hört man einfach alles, was der Komponist in diese Symphonie hineinverpackt hat, sein ganzes Herzblut, all den Terror, die Absurdität, die Macht, das Pathos, die Majestät des Willens gegen gewundene, kriegerisch mächtige Kräfte, den Trotz derselben, den Humor in dieser Komödie der Schrecken, die Brillanz und schließlich die Transzendenz für die Nachwelt. Schostakowitsch durchlebt hier nahezu einen sowjetischen Albtraum – Pappano macht dies erschreckend deutlich. Die so unterschiedliche Eigenart der Klänge von Schostakowitsch in diesem Bekenntniswerk – tödlich absurd wie beängstigend, Momente purer Verlassenheit, grübelnd, düster, klirrend kalt, triefend vor Verzweiflung und Traurigkeit – an diesem Abend ist es zu erleben. Und der Triumphmarsch zum Schluss ist in Wahrheit ein Todesmarsch? „Der Jubel ist unter Drohungen erzwungen. … So als schlage man uns mit einem Knüppel und verlange dazu: Jubeln sollt ihr! … Geht, marschiert, … . Jubeln sollen wir … . Man muss schon ein kompletter Trottel sein, um das nicht zu hören.“, so Schostakowitsch selbst in seinen Memoiren: Sir Antonio Pappano lässt an diesem Abend mit seinem Orchester, bestürzend nachvollziehbar, daran keinen Zweifel. Starker Ergriffenheit des Publikums folgt heftiger Beifall.

Vor der Pause gibt es zum Auftakt noch die ausdrucksstarke Overture „Persephone“ von Imogen Holst, der Tochter des Komponisten Gustav Holst. Und danach das Konzert für Violine und Orchester D-Dur op. 35 von Erich Wolfgang Korngold. Der eigenartig herbe, bisweilen spröde Klang der Violine von Giuseppe Guarneri des Gesù aus dem Jahr 1734, auf dem die Solistin Vilde Frang spielt, passt nur bedingt zum Stück, das überwiegend eigenen Filmmusiken Korngolds entstammt. Dem dankbaren Applaus folgt noch der 4. Satz, Giga senza basso, aus der Sonate d-moll von Antonio Montanari.

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Portait Thomas Rauchenwald
Thomas Rauchenwald
Autor des Blogs „Simply Classic“

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