Franz Welser-Möst dirigiert an der Wiener Staatsoper nach Ostern 2026 dreimal WOZZECK, die Oper in drei Akten mit Musik und Text nach Georg Büchner von Alban Berg. Und um es gleich vorwegzunehmen – das Dirigat gerät zum formidablen Ereignis.
Den ganzen Reichtum und die unvergleichliche, lyrische Sinnlichkeit der Musik von Berg bringt er mit dem in allen Instrumentengruppen hervorragend aufgestelltem Orchester der Wiener Staatsoper zur Entfaltung. Unter seiner, auch schlagtechnisch famosen, musikalischen Leitung entfaltet sich eine schier grenzenlose Klangpracht, dass man vermeint, ein lyrischer Sturm fegt da durch das Haus am Ring. Welser-Möst setzt zum einen auf die ganze expressive Wucht von Alban Bergs Musik, die Orchesterentladungen fahren in Mark und Bein, zum anderen lässt er mit ungemeiner Transparenz, höchster Präzision und reinster Klarheit musizieren. Groß, ungemein stark, betont er die rein orchestralen Zwischenspiele in Bergs genialer Partitur, die einerseits Seelenräume, Klangräume, Weiterentwicklungen und Überleitungen bedeuten, andererseits – und das hört man in jedem Takt, in jeder Phrase seines ungemein fließenden Dirigats – Teil des Wagner-Erbes in der Musik Bergs, das über Debussy und Berg bis Britten reicht, darstellen. Bei dieser hochkonzentrierten musikalischen Leitung gelingt es Welser-Möst auch, was ihm bei Bergs riesigem Orchesterapparat gar nicht hoch genug angerechnet werden kann, die SängerInnen mit dem Orchester niemals zuzudecken, sodass sämtliche Stimmen auch an neuralgischen Punkten stets hörbar bleiben.
Was die Stimmen betrifft, könnten vor allem die Hauptpartien mit durchaus größeren, stärkeren Stimmen besetzt sein, auch könnten sie über mehr an Phonation verfügen. Das tut der Gesamtwirkung jedoch keinen Abbruch. Permanentes Unbehagen, ob der beklemmend ergreifenden, werkimmanenten Intensität der Vorstellung am 13. April 2026 stellt sich da nämlich ein. Johannes Martin Kränzle verkörpert die Titelfigur. Und seine Leistung an diesem Abend gerät denn auch eindrucksvoll, gelingt es ihm doch, mit seinem feinen, doch klangvollen Bariton die Sinnhaftigkeit der Büchner’schen Sätze in Einklang mit der Sinnlichkeit der Berg’schen Musik zu bringen sowie mit seiner Interpretation das Publikum zu bewegen, zu berühren. Ihm zur Seite und in Nichts agiert Marlis Petersen als Marie und durchmisst mit zerbrechlichem, stimmlich hervorragend auf Kränzle abgestimmt, eher lyrischen Sopran die Rolle in sämtlichen Facetten. Was die anderen Rollen anbelangt, gerät die Besetzung etwas durchwachsen. Stimmlich mit hellem, etwas hysterisch durchdringendem, nicht allzu großem Tenor singt Dmitry Golovnin den Tambourmajor, gibt Dmitry Belosselskiy einen nur soliden Doktor und fehlt dem ungemein schönstimmigen Tenor von Jörg Schneider als Hauptmann für den Rollencharakter leider die beißende Schärfe in der Stimme: die bösartige Abartigkeit der Charaktere bleibt da doch etwas auf der Strecke. Monika Bohinec überzeugt als Margret. Daneben aufgeboten sind Andrea Giovannini als Narr, Simonas Strazdas und Jusung Gabriel Park als Handwerksburschen, Daniel Jenz als Andres, Wolfram Igor Derntl als Soldat und Wirt, und Martin Mateo-Seebacher als Mariens Knabe. Gut von Jozef Chabron präpariert klingt der Chor der Wiener Staatsoper, einen ebenso gelungenen Auftritt haben die Kinder der Opernschule der Wiener Staatsoper.
Beinahe 35 Jahre hatte es gedauert, bis die Inszenierung Adolf Dresens von Alban Bergs Oper vom Juni 1987 – diese Produktion gehörte zu den Glanzlichtern der ambitionierten, aber glücklosen Direktion von Claus Helmut Drese an der Wiener Staatsoper – im März 20222 durch eine neue Regiearbeit ersetzt wurde. „Im Wozzeck, wo die Musik den Text gänzlich absorbiert, wird sie zur Hauptsache, und alle Konzentration, die der Aufführung wie die des Hörens, sollte ihr gelten“ (Theodor W. Adorno) und nimmt die Inszenierung von Simon Stone diese Werkmaxime des großen Musikphilosophen sehr ernst, entwickelt der Regisseur seine Arbeit doch ganz aus der komplexen Musik Alban Bergs, wobei ein gewisser Hang zum vordergründig platt Plakativen nicht unerwähnt bleiben soll. Dem Komponisten gehört das ganze Mitgefühl der Titelfigur, einem gequälten und vom Hauptmann und vom Doktor gepeinigten wie erniedrigten Menschen, der, von seiner Geliebten betrogen, vom Nebenbuhler gedemütigt, von der Umwelt verspottet und von halluzinatorischen Wahnideen geplagt, letztendlich zum Mörder wird. Wozzeck ist in Stones tiefschürfenden Ansatz und seinem überwiegend gehaltvollen Konzept nicht nur Opfer, sondern auch Täter, der Femizid stellt ein wesentliches Thema der Oper. Der Regisseur will damit zeigen, dass sich die Gesellschaft seit 1830, seit Büchner, nicht verbessert hat: Auch damals ging es um einen Frauenmord und um die Zahl von Frauen, die von Partnern oder ehemaligen Partnern umgebracht werden. Stone, der sich zur Vorbereitung auf die Inszenierung sogar in Alban Bergs Wohnhaus, das aus konservatorischen Gründen nur wenigen offen steht, in Wien Hietzing begeben hatte, siedelt das Drama aus diesem bedauerlicherweise aktuellen Grund im Wien der Gegenwart an und zeigt eine heftige, beklemmende Studie toxischer Männlichkeit, in der eine höchst subtile, ausgefeilte Personenregie dominiert. Die Titelfigur ist dabei ständig in Bewegung – und zwar entgegen der permanent sich drehenden Drehbühne, die Bob Cousins für Simon Stone mit Räumen in diesem grandiosen Kammerspiel versehen hat. Ständig wechselnde Schauplätze sind da zu sehen, während der orchestralen Zwischenspiele laufen da auch noch die Halluzinationen Wozzecks ab, verstärkt durch das der jeweiligen Stimmung angepasste Licht (James Farncombe), was die Handlung betrifft, die der starken Inszenierung einen bewusst filmisch gehaltenen, ja dreidimensionalen Charakter verleihen. Die Kostüme (Alice Babidge und Fauve Ryckebusch) stammen aus unserer Zeit – neben Jeans und Sweaters dominieren Uniformen der österreichischen Bundespolizei das Bild. Die permanente Bewegung auf der Bühne beruhigt sich erst am Schluss, wo die Natur alles überwuchert und im hohen grünen Gras die geschundene Kreatur Wozzeck der untreuen Marie mit dem Messer die Kehle durchschneidet: hier hat diese Regiearbeit, weil in grandios plastisches Licht getaucht, ihre besten, stimmigsten Momente.
Heftigen Jubel gibt es zum Schluss vor allem für den Dirigenten. Erfreulich, dass an diesem Abend auch sehr viel junge Menschen den Weg in die Wiener Staatsoper gefunden haben.