Die Sächsische Staatskapelle Dresden residiert im Wiener Musikverein

Die Ausführenden nach einer ergreifenden MESSA DI REQUIEM von Giuseppe Verdi im Wiener Musikverein © Thomas Rauchenwald

Zu Pfingsten 2026 ist im Großen Saal des Wiener Musikvereins eines der ältesten und traditionsreichsten Orchester der Welt zu Gast – die Sächsische Staatskapelle Dresden, deren spezifischen, dunkel erdigen Klang Herbert von Karajan einmal als „Glanz von altem Gold“ beschrieben hat. Dirigent Daniele Gatti, der mit Beginn der Saison 2024/25 das Amt des Chefdirigenten angetreten hat, und seine Formation sind dabei mit zwei Programmen in drei Konzerten zu erleben.

Im ersten Konzert am 23. Mai 2026 wird ein einziges Werk gegeben – die „Messa da Requiem“ für Soli, Chor und Orchester von Giuseppe Verdi, die wohl reichste Totenmesse der klassisch-romantischen Epoche. Obwohl der Komponist in diesem Werk den Tod auch mit opernhafter Musik konfrontiert, hat er dennoch dem Sinngehalt des lateinischen Requiem-Textes erschütternde Ausdruckskraft verliehen und ist der liturgischen Würde nichts schuldig geblieben.

Das großartige Werk ist bei Daniele Gatti in den besten Händen. Der edle Klang des Orchesters mit seiner exzellenten Spielkultur bewirkt, dass das Dunkel und die Majestät des Todesgedankens betont stark hervortreten. Gatti meidet auffällig sämtliche aufgesetzten Effekt-Mätzchen, sein permanent unter Spannung stehendes, auswendiges Dirigat gerät ergreifend, zu Herzen gehend, mit seiner Interpretation findet er das richtige Maß zwischen wuchtig verzweifelter Theatralik und gefühlvoller, kantabler Innigkeit.

Neben dem Orchester erbringt auch der von Johannes Prinz einstudierte Singverein der Gesellschaft der Musikfreunde eine Spitzenleistung, sodass plastisch differenzierter, prächtiger Chorgesang mit hervorragender Intonation und Artikulation an diesem Abend zu hören ist.

Und auch die GesangssolistInnen sind, was bei diesem Werk vorausgesetzt werden muss, exzellent. Die beste Gesangsleistung ist der mit ihrem ätherisch cremigen Sopran stark berührenden Eleonora Buratto zu attestieren, die es auch an dramatischer Intensität nicht mangeln lässt. Elina Garanca überzeugt mit kräftig sattem Mezzosopran, Benjamin Bernheim verleiht Verdis Tenorkantilenen französische Eleganz und vor allem höchste Stilistik, Riccardo Zanellato gefällt mit seinem warmen Basso cantante.

Nach diesem bewegenden Werk erübrigt sich im Grunde jeglicher Applaus. Die Ausführenden haben ihn sich in jenem Ausmaß, den das Publikum nach dieser Wiedergabe spendet, dennoch mehr als verdient. Das Publikum am 25. Mai 2026 darf sich auf Verdis Totenmesse, die dann zum zweiten Mal auf dem Programm im Rahmen dieser Residenz steht, sehr freuen.

Im zweiten Konzert am 24. Mai 2026 ist das hervorragend disponierte Orchester bei Richard Wagner – der Komponist selbst hatte das Orchester als seine „Wunderharfe“ bezeichnet – naturgemäß in seinem Element. Zu Beginn des ersten Teiles gibt es die Ouvertüre zu „Die Meistersinger von Nürnberg“, vor farbiger Sinnlichkeit nur so strotzend, höchst transparent, sodass sich die komplexe Polyphonie vollends entfalten kann; zu Beginn des zweiten Teiles das Vorspiel zum dritten Akt und „Karfreitagszauber“ aus „Parsifal“, wo Gatti, ähnlich wie bei seinen Bayreuther Dirigaten dieses Werkes bei äußerst langsamen, an James Levine gemahnenden Tempi, in Ehrfurcht vor der Größe des Werkes beinahe ein wenig erstarrt.

Vor der Pause brilliert noch Gautier Capucon im Konzert für Violoncello und Orchester Nr. 1 a-moll op. 33 von Camille Saint-Saens, der die Einflüsse der deutschen Musik auf die französische bekämpfte, besonders dabei den Kult um Richard Wagner. Das schöne Werk – ein Paradebeispiel verschwenderisch kolorierter Musik der französischen Spätromantik – erfährt eine passionierte Wiedergabe: der Solist betört mit samtig vollem Ton auf seinem Instrument, eine wundervoll reiche Palette an Klangfarben ist da zu vernehmen, Gatti und das fein abgestimmte Orchester begleiten hinreißend. Als Zugabe spielt Capucon, gemeinsam mit den sechs Cellisten des Orchesters, das „Duo des fleurs“ aus der Oper „Lakmè“ von Lèo Delibes.

Mit „La Mer“, den drei symphonischen Skizzen für Orchester von Claude Debussy, der mit Richard Wagner auf eine Art Hassliebe verbunden war, nimmt uns Daniele Gatti mit auf ein fantastisches, musikalisches Naturerlebnis. Verhangen, ungemein farbig wie dicht ist Debussys Meer – Gatti musiziert das Stück mit leidenschaftlicher Hingabe und wunderbarer Transparenz, das Orchester folgt ihm mit hingebungsvoller Freude und leuchtendem Klang. Förmlich säuseln die Streicher den Wind und sprudeln die Bläser die Wellen, umrauscht von schmeichelnden Harfenklängen: irisierende Orchesterfarben sind zu vernehmen, wie ein hymnisch gesteigerter, orgiastischer Schluss.

Jubel im Musikverein: Gatti wird nicht nur vom Publikum, sondern auch vom Orchester, bei dem er schon vollends angekommen scheint, heftig akklamiert. Der Dirigent und die „Dresdner“ bedanken sich noch mit Vorspiel und „Liebestod“ aus „Tristan und Isolde“, wiedergegeben in üppiger Klangpracht und weit geatmeten, ausladenden Spannungsbögen.

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Portait Thomas Rauchenwald
Thomas Rauchenwald
Autor des Blogs „Simply Classic“

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