Seine letzte Oper, das Dramma lirico in drei Akten, TURANDOT, mit dem Text von Giuseppe Adami und Renato Simoni, nach der gleichnamigen Tragikomödie von Carlo Gozzi in der Bearbeitung von Friedrich Schiller, hat Giacomo Puccini nicht mehr vollenden können, nach der Uraufführung im April 2026 in Mailand wird das Werk in der Regel mit dem Schluss von Franco Alfano gespielt.
„E poi Tristano!“ („Und dann Tristan!“) schrieb der Komponist in seine Skizzen: bei der Komposition der Wandlung der eisumgürteten Prinzessin zur liebenden Frau wollte er in Richtung der Partitur von Richard Wagners „Tristan und Isolde“ gehen. Das Problem von Alfanos Finale mit seiner stark vordergründigen, gestischen Musik versucht Luciano Berio mit seinem neuen Finale zu lösen. Nie seine eigene musikalische Sprache verleugnend, setzt er, wesentlich stärker als Alfano, auf Puccinis Skizzen; seine lyrisch expressive, moderat avantgardistische Musik lässt die psychologische Metamorphose Turandots in einem gänzlich anderen Licht erscheinen als Alfanos triumphales Ende, wo Turandot und Kalaf quasi um die Wette schreien.
Das Musiktheater Linz zeigt Puccinis Schwanengesang in der aktuellen Saison 2025/26 nun mit diesem, im Jänner 2002 in Las Palmas konzertant aufgeführtem Finale von Berio, man kann diese Entscheidung nicht hoch genug einschätzen.
Musikalisch geht es auch in der Aufführung am 22. Mai 2026 hoch her. Enrico Calesso mit dem sehr gut disponierten Bruckner Orchester Linz setzt auf pure Dramatik, geschärfte Rhythmik und siedende Hitze, bei raschen Tempi stehen die ersten beiden Akte und der Beginn der ersten Szene des dritten Aktes unter ständiger Höchstspannung, die er gekonnt auch über die lyrischen Anschnitte, den Tod Lius und den Trauerchor sowie Berios fließendes Finale, halten kann. Chor, Extrachor und Kinderchor des Landestheaters Linz, hervorragend präpariert von Elena Pierini, steuern plastisch differenzierten, mächtig schallenden, wie fein schwebenden, Chorgesang bei.
Die Besetzung erweist sich als Glücksfall. Gregorio Changhyun gibt einen zwar etwas zurückhaltenden, aber wortdeutlichen Mandarin, Dominik Nekel mit warmem Bass einen bewegenden Timur, die drei Minister – Alexander York (Ping), Jonathan Hartzendorf (Pang) und Simon Yang (Pong) – klingen homogen wie selten, manchmal wie eine einzige, vielschichtige Stimme.
Das Problem einer Sängerin, die über eine echte Turandot-Stimme verfügt – robust, mit Eis, Stahl und Strahlkraft – ist immer, dass sie nie so bewegen wird wie eine gefühlvolle Liu. Elena Batoukova-Kerl hat all‘ diese Attribute in verschwenderisch üppigem Ausmaß, schneidet mit ihrem voluminösen Sopran nur so durch den Raum, fulminant auch das besonders ausgeprägte Tiefenfundament ihrer Stimme. Erica Eloff berührt mit sanften, ungemein fein und zart gesponnenen Kantilenen, ihre verborgene Liebe zu Kalaf mit Seelenschmerz vortragendem Sopran, über den Maßen. Und Carlos Cardoso als Kalaf, mit starkem, gleißendem Metall seines kräftigen Tenors, bezwingt den eisigen Stahl Turandots souverän und findet in der Schlussszene sogar zu farbreichem Schmelz. Das Publikum würdigt die Leistungen der Ausführenden entsprechend.
Die Inszenierung (Jasmina Hadziametovic) ist ganz aus Musik und Text entwickelt, die Bewegungen exakt auf die Partitur abgestimmt. Auf der Bühne (Paul Zoller) dominieren meterhohe Stahlwände, die Stimmen perfekt in den Raum des Musiktheaters Linz reflektierend. Die Kostüme (Mechthild Feuerstein) sind modern angehaucht, orientiert am China des 19. Jahrhunderts, die Volksmenge erinnert an Maos „blaue Ameisen“. Personenführung und Personenregie geraten überzeugend, auch so, dass sich die SängerInnen stimmlich entfalten können. Magisches Licht dominiert bisweilen die Szene, Schattenspiele setzen sich im Zuschauerraum fort, die Szene wirkt oft surreal, filmisch anmutend. In ihrer Regiearbeit lässt die Regisseurin den Schluss offen: nachdem Turandot vor dem Kaiser und dem Volk verkündet hat, der Name des unbekannten Prinzen ist“ Liebe“, lässt sie alle ratlos zurück und geht ab. Ins Brautgemach? Oder gar in den Freitod?
Die Fahrt nach Linz lohnt wieder einmal sehr.