Die Wiener Staatsoper zeigt wieder eine Serie von Giuseppe Verdis dramma lirico in vier Akten, OTELLO, mit dem Text von Arrigo Boito. Hochkarätig besetzt, ist das Haus am Ring natürlich ausverkauft. Die Inszenierung von Adrian Noble erweist sich auch am 29. Oktober 2026 in der 24. Aufführung seit der Premiere ob ihres hohen ästhetischen Wertes als ungemein repertoiretauglich.
Die kleinen Rollen sind überwiegend aus dem Ensemble mehr oder weniger rollendecken besetzt, in manchen Fällen geht da mehr. Der von Thomas Lang sehr einstudierte Chor der Wiener Staatsoper lässt differenzierten Chorgesang vernehmen, ist auch von der Regie gut geführt.
Als Desdemona aufgeboten ist Nicole Car. Nach anfänglichen kleinen Schärfen findet sie im Laufe des Abends zu einem berührenden Rollenporträt, ihr Sopran wird runder und runder, leuchtet zunehmend, ein Höhepunkt des Abends gewiss das „Lied von der Weide“ und das „Ave Maria“ im Schlussakt. Luca Scalsi gibt mit kräftigem, bisweilen imposanten Kavaliersbariton einen durch und durch bösen, zynisch hinterhältigen Jago, der seinen Herrn Otello abgründig, voller Hohn, vernichtet, ja zerstört.
Als Oberbefehlshaber der venezianischen Flotte und Statthalter Zyperns zu erleben ist wieder einmal Jonas Kaufmann. Gewiss sind auch an diesem Ausnahmesänger die Jahre nicht spurlos vorbei gegangen, dem Tenor mit metallisch fundierter, strahlender Stimme von einst ist aber eine höchst introvertierte Gestaltung und bewegende Rollendurchdringung zu attestieren, in der Gesamtwirkung zwingend, auch ob seiner überragenden Bühnenpräsenz- und Sängerpersönlichkeit. Es sind die feinen leisen Töne mit denen Jonas Kaufmann an diesem Abend bewegt. Und wenn‘s sein muss – in „Ora e per sempre addio“ und „Si pel ciel marmoreo giuro“ im zweiten, „O gioia“ am Schluss des Monologes im dritten Akt –, verfügt er auch noch über die nötige Kraft, um seine Stimme rollenimmanent so richtig lodern zu lassen. Herlich phrasiert das Duett mit Desdemona im ersten, zu Tränen rührend sein Tod im vierten Akt, wo dann auch die (Meeres)Stürme im Herzen Otellos weichen …
Am Pult des sehr gut aufgestellten Orchesters der Wiener Staatsoper lässt Bertrand de Billy die ganze Verdische Orchesterpalette tönen – von den fein ziselierten Klängen bis zu den eruptiven Ausbrüchen von Verdis genialer, später Partitur. Auch entpuppt er sich als SängerInnendirigent erster Güte, weil die KünstlerInnen auf der Bühne mit dem Orchester, wenn’s sein muss, auf Händen tragend. Chapeau!