Auf Flügeln des Gesanges – Christian Gerhaher und Gerold Huber bewegen mit Liederzyklen von Robert Schumann im Wiener Konzerthaus

Christian Gerhaher und Gerold Huber nach ihrem Liederabend mit Liederzyklen von Robert Schumann im Mozart-Saal des Wiener Konzerthauses © Thomas Rauchenwald

Die Überschrift dieser Rezension trügt, stehen doch keine Lieder von Felix Mendelssohn-Bartholdy am Programm des Liederabends von Bariton Christian Gerhaher, begleitet von seinem jahrzehntelangen Partner am Klavier, Gerold Huber, im Wiener Konzerthaus am 22. Oktober 2026. Der Titel dieses Mendelssohn-Liedes kommt jedoch beim Erleben dieses einfach vollendeten Liedgesanges Gerhahers in den Sinn, wenn er gemeinsam mit Huber im Mozart-Saal Liederzyklen von Robert Schumann zum Besten gibt.

Mag sein, dass die beiden – Gerhaher mit seinem starken Hang zum intensiv expressiven Deklamieren, Huber mit der ihm eigenen stilistischen Sensibilität der Begleitung – wenige ZuhörerInnen auf der emotionalen Ebene erreichen, die geistige Durchdringung von Musik und Texten an diesem Abend aber gerät einfach phänomenal: am stärksten wirkt diese intellektuelle Seelenreise dort, wo auch die der Musik zugrundeliegende Dichtungen – von Eichendorff, Lenau, Heine – enorm stark, was die Lyrik betrifft, sind.

Im ersten Teil des Liederabends zu hören „Fünf Lieder“ (Vier Gedichte aus dem Dänischen von H. C. Andersen und eines aus dem Neugriechischen, übersetzt von A. von Chamisso) op. 40, und, einer der besten und populärsten Liederzyklen überhaupt, „Liederkreis“. Zwölf Gesänge von J. von Eichendorff op. 39. Betont schauerlich Gerhahers Ausdruck in „Der Soldat“, in „Der Spielmann“, vermittelt er expressiv die ganze Bitterkeit dieses Mini-Dramas, beide aus op. 40. Sanft flutender Gesang dann in „Intermezzo“, Ausdruckskraft und subtilste, fein abschattierte Stimmfarben im „Waldesgespräch“, perfektes Legato-Singen in der als Inbegriff des Schumann-Liedes geltenden „Mondnacht“, sowie jubelnd jugendlicher Überschwang in „Frühlingsnacht“ aus. op. 39.

Nach der Pause im zweiten Teil wird’s dann etwas sperriger bei „Drei Gesänge“ op. 83, Texte von Buddeus, Rückert und Eichendorff, „Romanzen und Balladen“ (Heft III) op. 53 – Seidl, Lorenz, Heine – , und „Sechs Gedichte von N. Lenau und Requiem (altkatholisches Gedicht) op.90. Begeisternd Gerhahers herrlicher Stimmklang in „Loreley“, berührend die abgründige Trauer und leidvoller Schmerz in „Der arme Peter“, beide aus op. 53.

Schumanns erlesene Poesie, diese fallweise geöffneten Seelenschleusen, Geliebtes, Verblühendes, vom Tod Bedrohtes: diesen reichen, oft dunklen Kosmos spüren Gerhaher und Huber – gemeinsam folgten sie 2022 dem Ruf auf die Professur für Liedgestaltung an die Hochschule für Musik und Theater München – tiefschürfend auf den Grund. Bei aller Expression entpuppt sich Gerhaher im Verlauf dieses Abends auch als Stimmvirtuose allerersten Ranges, geht sein Gesang nahezu eine Symbiose ein mit der wahrlich „singenden“ Begleitung Hubers: das ist gemeinsames Atmen und Liedgestaltung in Vollendung.

Das heftig akklamierende Publikum entlässt die beiden erst nach zwei Zugaben – natürlich von Robert Schumann, stimmungsmäßig ganz auf das Programm abgestimmt: „An den Mond“, die Nr. 2 aus „Drei Gesänge“ op. 95, und „Tief im Herzen trag ich Pein“, die Nr. 2 aus „Spanische Liebeslieder“ op. 138.

Die Lieder Robert Schumanns stellen für Christian Gerhaher und Gerold Huber nicht nur Gipfelpunkte der musikalischen Romantik dar, sondern sind auch einzigartig in ihrer Verbindung von Text und Musik. Heute widmet sich wohl niemand so intensiv diesem Schaffen wie diese beiden Ausnahme-Liedgestalter. Schade deshalb, dass an einem so herausragenden Liederabend, mit dem diese beiden herausragenden Künstler zu bewegen vermögen, viele Plätze im Mozart-Saal frei bleiben.

Themenschwerpunkte
Portait Thomas Rauchenwald
Thomas Rauchenwald
Autor des Blogs „Simply Classic“

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Das könnte Sie auch interessieren