Bruckner organisch fließend – Marie Jacquot im Wiener Konzerthaus

Zum Abschluss ihrer Tätigkeit als Erste Gastdirigentin der Wiener Symphoniker dirigiert Marie Jacquot das Orchester im Wiener Konzerthaus © Carlos Suarez

Seit der Saison 2023/24 ist Marie Jacquot Erste Gastdirigentin der Wiener Symphoniker, ihr 44. Konzert mit diesem Orchester am 6. Mai 2026 im Wiener Konzerthaus ist ihr letztes in dieser Funktion, 2028 kehrt sie wieder ans Pult der Symphoniker zurück. Nach dem Konzert bedankt sich der Intendant der Formation, Jan Nast, mit schönen Worten für das Wirken der in Wien und Weimar ausgebildeten Dirigentin, die mit Beginn der Spielzeit 2024/2 Chefdirigentin des Royal Danish Theatre in Kopenhagen wurde und ab Sommer 2026 dem WDR Sinfonieorchester in Köln als Chefdirigentin vorstehen wird.

Das Hauptwerk des Abends, ein absolutes Königswerk zum Schluss ihrer Arbeit mit den Symphonikern in Wien, die Symphonie Nr. 7 E-Dur WAB 107 von Anton Bruckner, hat sie bereits in Köln dirigiert. Und das mit Hingabe musizierende Orchester folgt den Vorgaben der Dirigentin in allen Gruppen sehr gut aufgestellt, lässt einen ungemein leuchtenden, nahezu fein mediterran glühenden Klang verströmen, spielt deutlich konturiert, stark akzentuiert. Jacquots organische, fließende Interpretation ist kein Bruckner-Hochamt: Weihe, Pathos, Mystik, Religiosität dominieren nicht; durch die zügigen, spannungsgeladenen Tempi gehen Bruckners erratische Blöcke wie selbstverständlich ineinander über. Hin und wieder lässt sie sich aber doch von Bruckners gewaltiger Musik mitreißen, die Coda des ersten und vierten Satzes nimmt so beinahe leidenschaftliche Züge an. Musikantisches Melos dominiert diese Wiedergabe, vor allem im Trio des Scherzos. Und die Streicher spielen ein echtes Tremolo, keinen verwaschenen Nebel: besonders deutlich tritt das vor der Coda im ersten Satz, wo sich das Thema in Bratschen und Celli nur ganz schwer gegen das heftige Tremolo der ersten und zweiten Violinen behaupten kann, hervor. Erhabene, tiefernste Grabesgesangsklänge sind dann doch in den Wagner-Tuben im zweiten Satz, für die Nachwelt zu einem „Requiem für Wagner“ erhöht, zu vernehmen – Marie Jacquot ist auf dem richtigen Weg, das Mysterium Anton Bruckner tiefschürfend zu ergründen.

Im ersten Teil des Abends gefällt die junge, in Südkorea geborene Geigerin Bomsori mit gefühlvollem, wo nötig auch großem Geigenton auf ihrem wunderbaren Instrument, der Guarneri-Geige „ex-Moller“ aus 1725, bei einer kantablen Interpretation des beliebten Konzertes für Violine und Orchester e-moll op. 64 von Felix Mendelssohn-Bartholdy, dem als Zugabe das höchst virtuos gespielte „Schön Rosmarin“ für Violine und Klavier in einer Bearbeitung für Violine Solo von Fritz Kreisler folgt.

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Portait Thomas Rauchenwald
Thomas Rauchenwald
Autor des Blogs „Simply Classic“

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