Die auf alten italienischen Meisterinstrumenten spielende Formation besteht seit 45 Jahren, hat im wunderschönen Mozart-Saal im Wiener Konzerthaus seine Heimat gefunden, und verabschiedet sich jetzt, nach 43 Zyklen im Haus, von seinem Publikum – das Hagen Quartett – Lukas Hagen, Violine I, Rainer Schmidt, Violine II, Veronika Hagen, Viola, und Clemens Hagen, Violoncello – hat dabei in seinem nunmehr letzten Zyklus Werke für Streichquartett von Anton Webern und vor allem Kompositionen aus dem späten Kammermusikschaffen von Franz Schubert ins Zentrum der jeweiligen Programme gesetzt.
1)
Hauptwerk im ersten Konzert am 5. November ist das Streichquartett G-Dur D 887 von Franz Schubert. Dieses ständig zwischen Dur und Moll changierende, mit einer Spieldauer von 50 Minuten sehr lange Werk, beendet 1826, nur wenige Wochen nach Beethovens ähnlich forderndem Quartett cis-moll op. 131, stellt eine kompromisslose Auseinandersetzung zwischen den Themen Hoffnung und Verzweiflung, Leben und Tod, dar. Und so wird es von den „Hagens“ auch wiedergegeben, interpretiert. Vollendet das Aufeinanderhören wie das Zusammenspiel der vier AusnahmemusikerInnen, nach einem behutsamen Spannungsaufbau im ersten Satz wird eine Hochspannung erzeugt und über die ganzen vier Sätze gehalten. Das gewohnt betont vibratoarme Spiel ist klug, schnörkellos, intensiv und erschließt derart Schuberts Abgründe, die sich in diesem Stück offenbaren, vorzüglich und hinterlässt ein aufgewühltes, dankbares Publikum.
Im ersten Teil des Konzertes gehen Contrapunctus I bis IV aus „Die Kunst der Fuge“ BWV 1080 attacca über in das Streichquartett Nr. 8 c-moll op. 110 von Dmitri Schostakowitsch, ein öffentliches Requiem auf die Zerstörung durch den II. Weltkrieg, dessen erschütternder Gehalt vom Hagen Quartett punktgenau getroffen wird.
2)
Im zweiten Konzert am 5. Dezember 2025 steht zu Beginn das Streichquartett F-Dur op. 135 von Ludwig van Beethoven auf dem Programm, das letzte der späten Quartette des Komponisten, wo er zum „klassischen“ Ton von Mozart und Haydn zurückkehrt bei vollständiger Gleichberechtigung aller Instrumente. Wirkt in den ersten beiden Sätzen vor allem die erste Geige etwas unsicher und zurückhaltend, besticht der dritte, langsame Satz durch eine vollkommen verinnerlichte Wiedergabe, bevor das Stück nahezu übermütig rasant zu Ende geht. Das sperrige, vibratoarme Quartettspiel passt dann hervorragend zu zwei Kompositionen von Anton Webern, dessen Fünf Sätze für Streichquartett op. 5 und Sechs Bagatellen für Streichquartett op. 9: spröde Werke, sinnlich interpretiert, „expressionistische Miniaturen“ (Manfred Angerer), werkimmanent natürlich wie gleichsam aggressiv gespielt.
Nach der Pause folgt eine zwingend leidenschaftliche Interpretation vom Streichquartett d-moll D 810 „Der Tod und das Mädchen“ von Franz Schubert. Ungemein spannend, intensiv gerät – nach dem scheinbaren Idyll des ersten, immer wieder von brodelnden Trübungen unterbrochenen ersten Satz – der zwischen panischer Todesangst und tröstender Todessehnsucht changierende zweite Satz. Das Scherzo huscht dahin, der vierte Satz erklingt aufgepeitscht, „ein knochenklappernder Totentanz in Gestalt einer Tarantella“ (Sylvia Systermans), das harsche, nunmehr äußerst intensive Quartettspiel der Formation tut sein Übriges zur starken Wirkung.
3)
Im dritten Konzert am 5. März 2026 weht ein ständiger Trauerflor. Das gewohnt spröde, fast vibratolose Spiel des Hagen Quartetts passt wiederum nahezu optimal zu den Werken, die vor der Pause auf dem Programm stehen – das tragisch lastende Streichquartett f-moll op. 95 „Quartetto serioso“ von Ludwig van Beethoven, gefolgt vom Streichquartett in einem Satz von Anton Webern, ein spätromantisch expressionistisches, düster schweres, für den Komponisten langes Werk.
Hauptwerk nach der Pause ist das Streichquartett a-moll D 804 „Rosamunde“ von Franz Schubert. Perfekt aufeinander abgestimmtes Quartettspiel prägt diese Wiedergabe, alle vier Instrumente sind gleichwertig, keines dominiert oder tritt auffällig hervor. Schuberts Kosmos erschließt sich fein subtil, beinahe schon zu zurückhaltend, die Gegensätze von Dur und Moll, Schuberts Rückschau auf eine – verlorene – „schöne Welt“ werden schon schmerzlich stark herausgearbeitet. Wieder, wie in den ersten beiden Konzerten im Zyklus, keine Zugabe nach einem kurzen, vom Publikum heftig akklamierten Abend.
4)
Im vierten Konzert am 3. Mai 2026 gibt es dann zum Abschluss zwei großartige Schlüsselwerke der Kammermusik überhaupt.
Vor der Pause das Klavierquintett f-moll op. 34 von Johannes Brahms, mit Mao Fujita am Klavier. Der volle, mächtige, symphonische Klang der Komposition wird von der Formation leidenschaftlich wiedergegeben, allerdings wirkt das pedalreiche Spiel des jungen japanischen Pianisten ein wenig wie ein Fremdkörper. Fujita gliedert sich weder in das Spiel des Quartetts ein, noch tritt er als aktiver Gegenpart in Erscheinung, seine pauschale Pianistik wirkt ein wenig wie am Rande des Geschehens.
Nach der Pause dann das Streichquintett C-Dur D 956 von Franz Schubert, womit der Frühvollendete eine völlig neuartige Klangwelt und ein einsames Gipfelwerk der gesamten Kammermusikliteratur, ja der Musik überhaupt, geschaffen hat. Am zweiten Violoncello hat Julia Hagen, Tochter des Cellisten Clemens Hagen, Platz genommen, sie spielt ein edles Instrument von Francesco Ruggieri (Cremona, 1684). Das einfach famose, warme, gesangvolle, ungemein ausdrucksstarke Spiel dieser jungen Ausnahmecellistin bewirkt, dass die an diesem Abend noch mehr als gewohnt harsch spröde Herangehensweise des Quartetts plötzlich ins Fließen kommt und damit einen ganz anderen, ruhigeren, wärmeren Charakter annimmt. Zum Höhepunkt des Abends gerät der herrliche, transzendentale zweite Satz, ein Adagio, eine der ausdrucksstärksten und stimmungsvollsten Sätze überhaupt. Überirdisch entrückt, wie aus einer anderen Welt, kommt diese Musik daher, Julia Hagen mit ihrem phänomenalen Bogenstrich animiert die anderen zu einer schwerelosen Wiedergabe, durch ihren bohrenden Ton steht der düstere Mittelteil in noch schrofferem Kontrast als üblich. Insgesamt ist eine transparente, reichhaltige, tiefgründige Interpretation dieses herrlichen, großartigen Werkes zu erleben.
Wiederum gibt es keine Zugabe. Das Publikum im Mozart-Saal nimmt mit stehenden Ovationen nach mehr als vierzig Jahren Abschied von den „Hagens“.