„Was mir die Liebe erzählt“ … Andris Nelsons mit Mahlers III. im Wiener Musikverein

Andris Nelsons begeistert mit einer bewegenden Interpretation von Gustav Mahlers 3. Symphonie im Wiener Musikverein © Marco Borggreve

Im dritten Konzert im Andris-Nelsons-Zyklus im Musikverein Wien am 2. Mai 2026 steht ein einziges, episches, Werk, die Symphonie Nr. 3 d-moll für Altsolo, Knabenchor, Frauenchor und Orchester von Gustav Mahler, vollendet 1895/96 in Steinbach am Attersee, uraufgeführt in der definitiven Fassung 1902 in Krefeld.  Andris Nelsons dirigiert die Wiener Philharmoniker, Altsolistin ist Wiebke Lehmkuhl, dazu singen noch die Damen des Singvereins der Gesellschaft der Musikfreunde, einstudiert von Johannes Prinz, und die Wiener Sängerknaben, einstudiert von Erasmus Baumgartner.

Den ersten, ausgedehnten Satz legt Andris Nelsons beeindruckend, nahezu vor Spannung berstend an, die mitunter so stark gerät, dass die an sich hervorragend disponierte Formation in den Hörnern bisweilen nicht immer ganz sauber klingt. Der zweite Satz, „das Unbekümmertste, das ich je geschrieben habe“ (Mahler), klingt dann beinahe schon zu lieblich unbeschwert. Im dritten Satz hat das Orchester an diesem Nachmittag dann zu seiner gewohnt blendenden Form gefunden, das äußerst fein geblasene Posthorn im Trio klingt nicht von dieser Welt, eine süß romantische, an Eichendorff gemahnende Sommeridylle. Im vierten Satz – Nietzsches „Trunkenes Lied“ aus „Also sprach Zarathustra“ – bewirkt der mild strömende, ausdrucksvolle Alt der Solistin sogar beinahe vollkommene Stille im Saal, Knaben- und Frauenstimmen bestimmen lustig und keck den Gesang des fünften Satzes.

Hatte Mahler ursprünglich jedem Satz ein Programm gegeben, hat er, unter Beibehaltung des sich steigernden Werkkonzeptes, entschieden, von der programmatischen Benennung der Sätze wieder Abstand zu nehmen. „Was mir die Liebe erzählt“ war die ursprüngliche Bezeichnung des sechsten, letzten, Satzes seines Werkes – und diesen gewaltigen Hymnus breitet der mit stark ausufernden Bewegungen dirigierende Andris Nelsons mit den Wiener Philharmonikern in nahezu vollendeter Schönheit, tief bewegend aus. Die Steigerung aus innig sanglichem Beginn, ganz verinnerlicht interpretiert, zu leidenschaftlicher Erregtheit gesteigert, überschäumend musiziert, bis zum weihevollen Ausklang, ekstatisch gespielt, gelingt einfach überwältigend, ganz auf Überinterpretation und Manierismen, wie es bei heutigen Wiedergaben oft im Hinblick auf den Zeitgeist, zu hören ist. Stehende Ovationen für Andris Nelsons und alle Ausführenden im Großen Musikvereinssaal.

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Portait Thomas Rauchenwald
Thomas Rauchenwald
Autor des Blogs „Simply Classic“

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