Zum letzten Mal in der Regie von Sven-Eric Bechtolf: Richard Wagners „RING“, dirigiert von Pablo Heras-Casado, an der Wiener Staatsoper

Eine überragende Brünnhilde an der Wiener Staatsoper: Camilla Nylund © Michael Pöhn / Wiener Staatsoper

In den Jahren 2007 bis 2009 erarbeitet, zeigt die Wiener Staatsoper nun zum letzten Mal die Tetralogie DER RING DES NIBELUNGEN von Richard Wagner in der Inszenierung von Sven-Eric Bechtolf. Anfang 2019 wurden zumindest Personenregie und Personenführung der schon früh in die Jahre gekommenen Inszenierung aufgefrischt, wodurch diese beiden Elemente noch um eine Spur kammerspielartiger und subtiler wirkten und glücklicherweise auch jetzt noch wirken. Wagners Modernität im Aufgreifen gesellschaftlich virulenter Probleme, die den Künstler bis heute zum Visionär macht, steht nicht im Zentrum dieser Regiearbeit: Bechtolf setzt mit seiner Art, die Geschichte zu erzählen, nicht auf konkret zeitgenössisch politische oder gesellschaftliche Deutungen, für ihn existiert der „RING“ auch ohne „Botschaft“. Obwohl ästhetisch über weite Strecken nicht ungelungen, wurde der Ruf nach einem neuen Wiener „RING“ allmählich lauter und lauter, ab der Saison 2027/28 soll es dann damit so weit sein. Bechtolfs Regie ist aber zugute zu halten, dass sie ihren Zweck lange Jahre zwar unauffällig, aber überaus repertoiretauglich mehr als erfüllt hat. Bleibt die Hoffnung, dass die überwiegend solide Inszenierung nicht durch spektakulär unsinnige Regietheaterauswüchse ersetzt wird.

Die musikalische Seite in diesem letzten Zyklus im Mai 2026 – DAS RHEINGOLD am 6., DIE WALKÜRE am 7., SIEGFRIED am 10. und GÖTTERDÄMMERUNG am 14. – gerät mehr als durchwachsen. An allen vier Abenden präsentiert sich das Orchester der Wiener Staatsoper bedauerlicherweise nicht in der gewohnten Form. Mag es daran liegen, dass viele der jungen MusikerInnen in der Formation noch wenige bzw. gar keine Durchgänge dieses für ein Orchester komplex fordernden Zyklus‘ gespielt haben? Oder konnte bzw. wollte man sich mit dem vom überaus vielseitigen Dirigenten Pablo Heras-Casado bevorzugten, transparenten, herb harschen Klang und mit seiner von einer uneinheitlichen Tempodramaturgie – immer wieder schleppendes Dirigieren bei nur selten vorwärtsdrängendem Drive – geprägten Gangart nicht anfreunden? Selten hört man so viele falsche Einsätze der Hörner und Tuben, selten spielen Trompeten und Posaunen so wenig synchron. Das Bild wendet sich erst ab dem „Trauermarsch“ am dritten Tag: endlich hört man da großen, runden, rauschenden Wagner-Klang, wo ein solcher zuvor nur durch mitunter übertriebene Lautstärke suggeriert wurde.

Was die Besetzung betrifft, erbringen nur wenige der Aufgebotenen uneingeschränkt erstklassige Leistungen.

Über allen steht die herrliche Brünnhilde von Camilla Nylund, eine Sängerin von höchster stimmlicher Klasse, die diese Rolle mit echter Menschlichkeit erfüllt. Der jungen Walküre am ersten Tag verleiht sie Weiblichkeit und Wärme, steht damit in der Tradition großer französischer Rollenvorgängerinnen wie Germaine Lubin und Règine Crespin. Die erwachende Frau am zweiten Tag stattet sie mir schier strahlenden Leuchtraketen ihres jugendlich-dramatischen Soprans aus. Und in die schwere Rolle der betrogenen Rächerin und Welterlöserin am dritten Tag wächst sie mehr und mehr hinein: phänomenal, wie die wunderbare Stimme über dem Orchester schwebt und bereits die Kraft aufbringt, sich beinahe ungefährdet durch die Orchestermassen zu bewegen, eine überragende Leistung!

Michael Spyres besticht mit wortdeutlicher Artikulation, höchster Phrasierungskunst und herrlichem Schmelz seines leuchtenden Tenors: dieser kernig helle Siegmund begeistert auch mit unglaublich lang gehaltenen „Wälse“-Rufen.

Michael Volle als Wotan hat am Vorabend nicht seinen besten Tag erwischt, auch der Wanderer am zweiten Tag ist erst im dritten Akt wirklich über den Maßen gelungen. Bewegend, berührend, mit herrlich gesungenen Bögen, gestaltet er aber den Walküren-Wotan – einfach nur ergreifend, wie der Heervater und Stürmebezwinger mit strömender Stimme Abschied von seiner Lieblingstochter, der Wunschmaid Brünnhilde, nimmt.

Andreas Schager stemmt die beiden Siegfriede in bewährter, heldentenoraler Stentormanier mit lang gehaltenen, gestreckten, durchdringenden Tönen. Leider findet er, was die Höhen betrifft, dieses Mal nicht zu seiner üblichen Form, Stärke und Sicherheit.

Georg Nigl gestaltet den Nibelungenfürsten Alberich mit rollenimmanent abgründig schaurigem Ausdruck, sein immer wieder in einen gestockten Sprechgesang verfallendes Rollenporträt mit starkem Spiel mag jedoch vielleicht nicht alle im Publikum restlos zu überzeugen. Szilvia Vörösz als Fricka tritt ihrem Göttergatten als starke Widersacherin in der WALKÜRE entgegen, ihre warm sorgende, volltönende Waltraute in GÖTTERDÄMMERUNG gerät ungemein einnehmend. Aufhorchen lässt die junge Jenni Hietala als Freia und Gutrune.

Der Rest der aufgebotenen Kräfte verfügt bedauerlicherweise ausnahmslos nicht über jenes herausragende sängerisch-stimmliche Niveau, welches an einem ersten Haus wie der Wiener Staatsoper im Grunde vorausgesetzt und bei den verlangten, hohen Ticket-Preisen auch erwartet werden darf. Das Publikum an der Wiener Staatsoper, das ist nicht neu, applaudiert den SängerInnen dennoch heftig, ebenso werden Dirigent und Orchester in die lautstarken Akklamationen miteinbezogen.

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Portait Thomas Rauchenwald
Thomas Rauchenwald
Autor des Blogs „Simply Classic“

Kommentare

  1. Karin Schmidt-Mitscher

    Lieber Thomas, kann mich all Deinen Ausführungen nur vollinhaltlich anschließen, vielen Dank! Mit war einiges deutlich zu langsam und Georg Nigl war für mich insgesamt die positive Überraschung.
    Bin schon gespannt, was Ihr im Sommer alles seht – uns führt es nach München, Sbg und Bayreuth und vielleicht sehen wir uns ja irgendwo mal? Lg Karin

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