Im Zyklus Liederabende gestalten der Bariton Andrè Schuen und der Pianist Daniel Heide am Klavier gemeinsam am 29. April 2026 im Brahms-Saal im Musikverein Wien den Liederzyklus WINTERREISE D 911 von Franz Schubert nach Gedichten von Wilhelm Müller. Die 24 Lieder handeln von enttäuschter Liebe, menschlichem Leid, Schmerz und Einsamkeit, verzweifelter Sehnsucht, die in den Wahnsinn führt, und nur noch Trostlosigkeit übrigbleibt. Dieser Zyklus ist für viele die Krönung des Liederrepertoires, der Olymp des Liedgesanges. Andrè Schuen selbst verweist auf den Wechsel zwischen Bewegung und Stillstand in den Liedern: „Es gibt Bilder, in denen die Zeit komplett stehen zu bleiben scheint, Seelenzustände im Einklang mit der erstarrten winterlichen Natur. Dann wieder treibt es weiter und weiter.“
Mit seinem Partner am Klavier gelingt Andrè Schuen an diesem Abend eine ungemein bewegende Lesart der Winterreise. Dem Sänger gelingt es wahrhaftig, höchsten Intellekt und tiefste Emotion miteinander zu verbinden, sodass eine Interpretation von ungeheurem Ausdruck und Tiefgang zu erleben ist. Daniel Heide am Klavier ist kein Begleiter, sondern ein subtiler Mitgestalter mit vielfältigsten Anschlagsnuancen.
Schuen ist mittlerweile zu einem exzellenten Liedgestalter gereift. Sein klangvoller Bariton ist stimmschön, dennoch männlich, verfügt über die Kraft des Opernsängers und lässt dabei auch Töne von unglaublicher Intimität vernehmen. Bisweilen wütet er mit verzweifelter Kraft, dann klingt er wieder lyrisch schmerzhaft, ungemein emotional. Artikulation wie Diktion geraten superb, ebenso Textverständlichkeit wie Wortdeutlichkeit.
Hoch anzurechnen ist dem Sänger, dass er auf Manierismen und Überinterpretationen beinahe komplett verzichtet, und er sich damit einem Zeitgeist, der meint, die Stücke aufpeppen zu müssen, damit sie heute noch wirken, deutlich entgegenstellt. Eigene Farbtupfer setzt er dennoch akzentuiert ein. Herausragend an diesem Abend entfalten sich die Qualität seiner wunderbaren Stimme, seine famose Technik wie sein untrügliches Gespür für die Musik.
Nach einer langen Pause der Ergriffenheit heftiger Beifall vom Publikum im nahezu ausverkauften Brahms-Saal, einem Konzertsaal, der gewiss zu den intimsten auf der Welt zu zählen ist, und wo sich Schuberts abgründige Seelenlandschaften umso tiefgehender entfalten können.