Schostakowitsch furios fulminant in der Berliner Philharmonie

Semyon Bychkov dirigiert die Berliner Philharmoniker © bph/Monika Rittershaus

Dmitri Schostakowitsch reagierte mit seiner Symphonie Nr. 5 d-moll op. 47, entstanden während des stalinistischen Terrors, uraufgeführt von Jewgeny Mrawinsky in Leningrad im November 1937, auf die scharfen Angriffe in der Prawda, die in diesen Zeiten lebensbedrohlich waren. Es gelang ihm mit dieser Komposition, trotz des oberflächlich vordergründigen Einlenkens auf die offizielle Parteilinie, ein künstlerisch bedeutsames Werk zu schaffen, das zwischen den Zeilen eine Anklage ist.

Semyon Bychkov und die Berliner Philharmoniker arbeiten am Abend des 28. Mai 2026 im Großen Saal der Berliner Philharmonie in einer einfach großartigen, fulminanten Wiedergabe die Doppelbödigkeit, vor allem jene des falschen Jubels, dieses Meisterwerkes beeindruckend heraus. „Was in der Fünften vorgeht, sollte meiner Meinung nach jedem klar sein. Der Jubel ist unter Drohungen erzwungen. …“ – formulierte Schostakowitsch selbst seine Absichten mit diesem Werk – dies gelingt es den Ausführenden mehr als tiefschürfend zu vermitteln.

Furchterregend spannend, latent bedrohlich und beklemmend klingt diese Symphonie in der herben, schroffen Interpretation von Semyon Bychkov. Brutale Orchesterschläge, gewaltigen Hämmern gleich, stehen neben feinen, zart lyrischen Streicherlinien, bohrend bedrohliche Passagen der Celli und Bässe neben filigranem Holz. Den schmerzhaften Charakter des ersten Satzes (Moderato) wie das betonte, extrem Groteske von Schostakowitsch Musik im zweiten Satz (Allegretto) erfasst Bychkov meisterhaft; den dritten Satz, ein breit ausschwingendes Largo, steigert er zum beinahe unerträglichen Lamento, um im vierten Satz (Allegro non troppo) genau jene verzerrende, denn befreiende Wirkung zu erzielen, die Schostakowitsch beabsichtigte, indem er die durch permanente Tonwiederholungen gestörten, hymnisch aufgetürmten Steigerungen unerbittlich schnörkellos, ohne jegliche Effekthascherei höchst differenziert musizieren lässt.

Für seine furiose Interpretation steht Bychkov ein in allen Instrumentengruppen blendend aufgestelltes Orchester zur Verfügung, ein klares und transparentes Klangbild vermittelnd, nie laut lärmend, sondern räumlich differenziert sowohl in der Breite wie auch in der Tiefe. Die ausgezeichneten Soli – Flöte, Klarinette, Fagotte – klingen sehr sinnlich abgetönt. Bei den Streichern klingen Violinen und Bratschen sehr hell und rein, schneidend wie höchst geschmeidig; dunkel erdig, bedrohlich Celli und Kontrabässe. Beeindruckend gerät das ungemein saubere, höchst präzise Zusammenspiel der Formation im Gesamten.

Zupackend und vorwärtsdrängend: Bychkov ergeht sich nie in manieriert langsamen Tempi, setzt nicht auf verstärkte Rubato-Effekte, um den entsprechenden Stellen des Werkes zusätzlich eine besondere Bedeutungsschwere zu verleihen. Das Bizarre, Groteske, die Doppelsinnigkeit des Werkes wird dadurch am besten dargeboten, kommt derart zwingend zum Ausdruck. Die dynamische Gestaltung geht – werkimmanent – bisweilen in Extreme, intensiv und expressiv. Am Schluss holt er das Letzte aus dem Orchester heraus. Und man gewinnt den Eindruck, dass bei diesen markerschütternden Schlägen, wo die Philharmonie zu beben scheint, dieses Orchester immer noch etwas mehr darauflegen könnte. Die existenzielle Dringlichkeit dieser Musik wird an diesem Abend von einem Interpreten allerersten Ranges und ausgewiesenen Experten für Schostakowitsch selten feinfühlig wie dringlich vermittelt.

Vor der Pause erklingt zum Auftakt die Coriolan-Ouvertüre c-moll op. 62 von Ludwig van Beethoven, wo es um einen zwielichtigen, am Ende gebrochenen, Helden geht.

Während der Napoleonischen Kriege komponierte Beethoven sein Klavierkonzert Nr. 5 Es-Dur op. 73, eines seiner strahlendsten Werke, das mit seinem heroischen Optimismus den Herausforderungen der Zeit trotzt. Víkingur Ólafsson ist der Solist und, entgegen seiner Interpretation desselben Werkes vor ein paar Monaten im Wiener Musikverein, verschwimmt das erhabene Werk dieses Mal nicht unter einem Pedalschleier. Den Marsch-Charakter des ersten Satzes betont der Solist zupackend, idyllisch innig, bewegend, gestaltet er den zweiten, langsamen Satz. Im unbändig gespielten Finale lässt er schon überdrehte Freude versprühen, das Publikum applaudiert begeistert. Als Zugabe, gespielt mit der ihm eignen Mischung aus Askese und Fließen, eine Bearbeitung für Klavier solo von „Air“ aus der Orchestersuite Nr. 3 D-Dur BWV 1068 von Johann Sebastian Bach.

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Portait Thomas Rauchenwald
Thomas Rauchenwald
Autor des Blogs „Simply Classic“

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