Die Kunst und ihre Träume – HOFFMANNS ERZÄHLUNGEN an der Wiener Volksoper

Attilio Glaser (Hoffmann), Katia Ledoux (Muse) und Anna Siminska (Olympia) im zweiten Akt von Offenbachs HOFFMANNS ERZÄHLUNGEN an der Volksoper Wien © Marco Sommer / Volksoper Wien

Die letzte Opernpremiere der Wiener Volksoper in der Saison 2025/26 gilt HOFFMANNS ERZÄHLUNGEN, der 1881 in Paris uraufgeführten, fantastischen Oper in fünf Akten – mit der Musik von Jacques Offenbach und dem Libretto von Jules Barbier, in der Spielfassung und Neufassung der Dialoge von Peter te Nuyl, eine Koproduktion mit der Opèra National du Rhin Strasbourg, der Opèra Reims und dem Thèatre National de l’Opèra Comique Paris.

Auch in der besuchten, vierten Aufführung am 22. Juni 2026 steht Emmanuel Villaume am Pult des kräftig aufspielenden Orchesters der Volksoper Wien, manche Passagen vor der Pause geraten etwas zu laut, das entfesselt rauschhaft gesteigerte Trio Antonia, Docteur Miracle, Stimme der Mutter im Antonia-Akt vor der Pause gerät jedoch beeindruckend. Nach der Pause findet der Dirigent mit der sehr gut disponierten Formation neben spannenden auch zu behutsameren, einfühlsameren Orchesterspiel. Sehr gut präpariert von Roger Diaz-Cajamarca für ihre Aufgaben sind der Chor und der Zusatzchor der Volksoper Wien.

Attilio Glaser, an der Deutschen Oper Berlin bereits als Lohengrin und Parsifal zu erleben, ist Hoffmann und findet, nach etwas zögerlichem Beginn, mit seinem geschmackvoll phrasierenden, mit mild leuchtendem Timbre ausgestatteten Tenor, zu einer sehr ansprechenden, feinen Leistung. Josef Wagner verfügt zwar über einen starken Bariton, rollenimmanente, abgründige Dämonie bei seiner Interpretation von Lindorf/Coppèlius/Miracle/Dapertutto bleibt jedoch bedauerlicherweise auf der Strecke. Sehr gut mit immer kräftiger werdendem Tenor Aaron-Casey Gould als Spalanzani/Nathanael, pointiert Josef Bartneck als Andrès/Cochenille/Frantz/Pitichinaccio, klangvoll Annely Peebo als Stimme der Mutter, rollendeckend Alexander Fritze als Crespel und Michael Arivony als Schlèmihl. Was die Frauenpartien betrifft, gefallen mit höhensicherem Sopran Anna Siminska als Olympia und mit starkem, beinahe schon für die Rolle zu dramatischem Sopran Axelle Fanyo als Antonia, als Giulietta erbringt Hedwig Ritter eine stimmlich sehr gute Leistung, sollte allerdings an der französischen Artikulation noch feilen. Stimmlich überragend agiert Katia Ledoux als volltönende Muse mit ungemein sattem, kräftigem Mezzosopran.

Für die Neuinszenierung, die in Strasbourg und Paris begeistert aufgenommen wurde, ist die Hausherrin, Lotte de Beer, selbst verantwortlich. Ihre Regiearbeit gerät, um es gleich vorwegzunehmen, eher zurückhaltend, bescheiden, poetisch, mit hohem ästhetischem Wert, das Stück aus Musik und Text entwickelt. Die drei weiblichen Hauptfiguren, von denen der Dichter Hoffmann im Alkoholrausch erzählt und die mit seiner Geliebten Stella verschmelzen, sind Projektionen seines Geistes, seiner Träume. Für die gefeierte, innovative Regisseurin hat auch eine vierte Frau große Bedeutung – die Muse, die für die Kunst überhaupt steht. Sodann entwickelt sich in dieser unspektakulären Inszenierung eine – gekonnte, einfühlsame – Auseinandersetzung zwischen Kunst und Künstler, meistens vor der jeweiligen Szene. Die neuen, von Jean Abel übersetzten Dialoge, werden dabei in Deutsch gesprochen, während in französischer Originalsprache gesungen wird, was einen gelungenen Kniff darstellt. Hoffmann, angeregt und inspiriert von der Muse, setzt sich mehr und mehr mit seiner eigenen Einstellung, seinem eigenen Weltbild auseinander: das Publikum erlebt in zwingend einfacher Personenregie wie Personenführung einen Künstler und Mann, zerrissen zwischen Kunst und Erotik, Leben und Schaffen, changierend zwischen Leben und Liebe. Am Ende führt ihn die Muse, bevor sie entschwindet, zu sich selbst, zur Kunst zurück. Alles Schrille, Grelle heutigen Regietheaters fehlt dieser Deutung, Lotte de Beer fokussiert ihre Arbeit ganz auf Offenbachs Werk. Unterstützt wird sie von Christoph Hetzer mit einheitlichem, wandelbarem, durch die starke Verjüngung nach hinten akustisch optimalem Bühnenbild für die SängerInnen, zeitlosen, überwiegend geschmackvollen Kostümen von Jorine van Beek und plastischem Licht von Alex Brok.

Die durch und durch ansprechende Produktion gefällt auch in Wien.

Themenschwerpunkte
Portait Thomas Rauchenwald
Thomas Rauchenwald
Autor des Blogs „Simply Classic“

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