Sir Andràs Schiff spielt im Großen Saal des Wiener Musikvereins ein Mammutprogramm und interpretiert am Abend des 8. Juni 2026 alle sechs Partiten, BWV 825-830, von Johann Sebastian Bach.
Vor Beginn des beinahe dreistündigen Konzertes, Pause inklusive, wendet sich der Pianist ans Publikum und erklärt, dass er die Dur-Stücke auf einem Bösendorfer-Flügel, die Moll-Stücke auf einem Steinway-Flügel spielen wird. Und der feinsinnige Künstler am Klavier weiß genau, was er will: für die dunklen Moll-Stücke wählt er den harten Steinway, für die hellen Dur-Stücke den weichen Bösendorfer. Erweist sich der Bösendorfer als von Beginn an herrliches Instrument, was seinen Klang betrifft, entfaltet der Steinway erst nach der Pause, bei der abschließenden, großartigen Partita Nr. 6 e-moll BWV 830, seine klanglichen Besonderheiten.
Zu den regelrechten Suitensätzen Allemande, Courante und Sarabande fügt der Komponist in jeder Partita noch vier weitere hinzu: in BWV 825 und 827, 828, 829 und 830 eine Giga bzw. Gigues, in BWV 826 ersetzt er die üblicherweise die Folge abschließende Gigue durch ein Rondeaux und Capriccio.
Schonungslos legt der Pianist die Struktur der Werke offen. Die ursprünglich für Cembalo notierten Kompositionen überträgt er mit seinem schnörkellosen, betont pedalarmen Spiel kunstvoll auf den modernen Flügel: wahrscheinlich hätte Bach, wenn ihm solche Instrumente zur Verfügung gestanden wären, damit gewiss die hellste Freude empfunden. Bestechend Schiffs fulminantes Legatospiel und seine Phrasierungskunst, wobei trotzdem jede Note, tiefempfunden, hörbar ist. Unendliche Melodien sind da zu vernehmen, sehnsuchtsvoll gespielt, geatmet. Immer bleibt aber die Artikulation überaus geschliffen, höchst präzise; phänomenal auch, dass Schiff alle Stücke auswendig spielt.
Vor der Pause erklingen die Partiten Nr. 1, 2, 3 und 4, BWV 825, 826, 827 und 828, nach der Pause folgen noch die Nr. 5 und 6, BWV 829 und 830. Schiff führt grandios durch den Kosmos Bach, von spielerisch ausgelassen bis beängstigend abgründig durchmisst er die ganze Palette der Bach’schen Kunst in größter Klarheit und reinster Klangentfaltung. Gegenüber früheren Jahren ist seine Gestaltung ungemein empfindsamer, inniger geworden, man ist geneigt, den Abend als meditativ zu bezeichnen, höchste Kontemplation eingeschlossen.
Dieser höchst sensible, durch und durch unakademische Vortrag von Andras Schiff in vollkommener Transparenz, mit gefühlvollstem Anschlag und überragender Differenziertheit bleibt noch lange im Gedächtnis haften. Das Publikum, das gewillt war, sich auf diese lange Reise zu begeben und einzulassen, wurde an diesem Abend auf das Kostbarste und überreich beschenkt. Langanhaltende Akklamationen zum Schluss dieses denkwürdigen Klavierrezitals, und eine Zugabe: Italienisches Konzert F-Dur, BWV 971, 1. Satz (Allegro), von Johann Sebastian Bach.