Ein „Ring“ zum Abschied: Sir Donald Runnicles dirigiert Richard Wagners Tetralogie an der Deutschen Oper Berlin

Sir Donald Runnicles im Sternenregen auf der Bühne der Deutschen Oper Berlin nach GÖTTERDÄMMERUNG am 31. Mai 2026 © Thomas Rauchenwald

Nach fast siebzehn Jahren als Generalmusikdirektor an der Deutschen Oper Berlin, insgesamt fünfunddreißig Premieren und mehr als fünfhundert dirigierten Aufführungen verabschiedet sich Sir Donald Runnicles nun mit dem größten Bühnenwerk überhaupt, der gewaltigen Tetralogie DER RING DES NIBELUNGEN von Richard Wagner. Der Schotte am Pult überwältigt nicht mit einem gewaltigen Klang wie Thielemann, setzt nicht auf transparente Rasanz wie Welser-Möst oder auf luzide Strahlkraft wie Petrenko – an seine sämigen Tempi und seinen spezifischen Klang muss man sich zunächst einmal gewöhnen. Bald bemerkt man aber, dass dieses Wagner -Dirigat von unglaublicher, größtmöglicher Innenspannung geprägt ist, und werden die Tiefen der Tetralogie wie jede Szene quasi durchleuchtet, eindringlich erfasst. Ganz hervorragend musiziert sind die orchestralen Abschnitte, wo Runnicles die ganze Erfahrung seines Dirigentenlebens einfließen lässt und auskostet. Das Orchester der Deutschen Oper Berlin folgt ihm bereitwillig und höchst motiviert durch die vier Abende. Höhepunkte sind – nach einem mediativen Vorabend mit DAS RHEINGOLD am 26. Mai 2026 und einem sehr getragenen, ersten Tag mit DIE WALKÜRE am 27. Mai 2026 – gewiss der zweite Tag, ein bereits orchestral beschleunigter SIEGFRIED am 29. Mai 2026, dann vor allem aber der abschließende dritte Tag des Bühnenfestspiels, eine von dunkelster Schwärze geprägte GÖTTERDÄMMERUNG am 31. Mai 2026, wo Runnicles‘ kompakter, vor Innenspannung nur so berstender, Klang, einem einzigen gewaltigen Strom gleich, nur noch berauscht. Nach dieser beeindruckend eindrucksvollen Aufführung gibt es auf offener Bühne noch eine Ehrung inklusive Sternenregen für den scheidenden GMD, er wird fehlen, dem Haus aber glücklicherweise als Gast verbunden bleiben.

Von 1984 bis 2017 war an der Deutschen Oper Berlin der legendäre „Tunnel“-Ring in der Inszenierung von Götz Friedrich, einem der bedeutendsten Wagner-Regisseure überhaupt, und dem Bühnenbild von Peter Sykora zu erleben. Und einer der heute gefragtesten Opernregisseure und Träger von etlichen internationalen Preisen, Stefan Herheim, der von 1994 bis 1999 in Hamburg bei Friedrich Opernregie studierte, seit 2018 selbst als Professor an der Norwegischen Opernakademie und seit der Spielzeit 2022/23 als Intendant am Theater an der Wien, tätig ist, macht mit seiner Regiearbeit der Tetralogie, die jetzt, Ende Mai 2026, wieder in zwei Zyklen im Haus an der Bismarckstraße zu erleben war, seinem großen Lehrer alle Ehre.

Herheim findet einen eigenen, hochinteressanten, im Gesamten überzeugend schlüssigen Weg, mit dem er das Publikum auf die Reise zu Wagners Bühnenfestspiel mitnimmt. Seine bilderreiche Inszenierung ist ganz aus dem Text und der Musik Wagners entwickelt, Personenregie und Personenführung sind exakt, exzellent, subtil, psychologisch fundiert, die Beziehungen der handelnden Personen klar herausgearbeitet. Von ein paar Ausnahmen abgesehen, verzichtet Herheim auch auf allzu Überfrachtendes, das Publikum Überforderndes.

Wagners Weltendrama um die existenziellen Antipoden Macht und Liebe vollzieht sich als Spiel unter Flüchtlingen, die keine Heimat mehr haben, und ihr Zuhause nun im Mythos suchen, weshalb das von Herheim und Silke Bauer entworfene Bühnenbild auch überwiegend von Konstruktionen aus Koffern dominiert wird. Im Zentrum des Bühnenbildes steht ein Flügel, an dem diese Menschen auf der Flucht rasten und ein Spiel beginnen, das sich während des Ablaufs der Tetralogie verselbständigt. Ein weißes Seiden-Taschentuch vergrößert sich mehr und mehr, wird selbst zum Leitmotiv, und sorgt immer wieder für spektakuläre Effekte: der Rhein und die Berge werden damit suggeriert, ebenso Regenbogen und Weltesche, naturgemäß ist es auch als Leichentuch für Siegmund in der Todesverkündigung wie für den gemordeten Helden Siegfried präsent. In Kombination mit den Videos von Torge Moller, William Duke und Dan Trenchard ist großes Kino zu sehen, bisweilen pure, farbenrauschartige Theatermagie zu erleben. Und Herheim, der vom Puppenspiel kommt, mischt seiner Inszenierung auch, wo angebracht, eine gehörige Portion Komik und Ironie bei, etwa in der Gestaltung der Figuren der Walküren inklusive Brünnhilde am ersten Tag sowie des Siegfrieds. Für die im Ergebnis überzeugenden, passenden Kostüme ist Uta Heiseke verantwortlich.

Herheims fantastische Ring-Welten, die von Ulrich Niepel in magisches, plastisch leuchtendes Licht getaucht sind, ziehen von Szene zu Szene mehr und mehr in ihren Bann. Nach dem strahlenden Einzug der Götter in Walhall am Ende des Vorabends beginnt am ersten Tag die Erstarrung, geht das Geschehen am ersten Tag in seiner ganzen Tragik, überdeutlich gezeigt, mehr und mehr bergab. Am zweiten Tag trifft Herheim die Balance zwischen den komischen und heroisch-tragischen Elementen punktgenau wie selten ein Regisseur. Am dritten Tag gibt es viele überraschende Spielsituationen zu erleben, um zum Schluss die Welt werkgetreu versinken zu lassen. Ganz am Ende dann wieder die leere Bühne mit dem Klavier, eine Reinigungskraft beseitigt letzte Reste, das Weltenspiel kann wieder von Neuem beginnen. Viele Bilder dieser Deutung, die einen wesentlichen Beitrag zur modernen Wagner-Regie darstellt, bleiben in der Erinnerung haften. Um diese hochinteressante Regiearbeit jedoch in ihrer ganzen Dichte vollends zu erfassen, sind noch ein paar Durchgänge davon anzuraten, wahrscheinlich wollen der Regisseur und seine Dramaturgen – Alexander Meier-Dörzenbach und Jörg Königsdorf – genau das erreichen.

Was die Besetzung angeht, gibt es an der Deutschen Oper Berlin überwiegend Licht, bisweilen leider auch ein wenig Schatten. Im RHEINGOLD kann Iain Paterson als Wotan mit seinem – im einheitlichen Mezzoforte angesiedelten – Wotan stimmlich nicht wirklich überzeugen, der höher gelegene Wanderer im SIEGFRIED liegt dem Sänger mehr, hier hat er seine besten Momente, vor allem in der mit strömendem Bariton gesungenen Szene mit Erda. Jordan Shanahan, anstelle des allzu früh verstorbenen Thomas Johannes Mayer aufgeboten, verfügt zwar über durchaus edlen Ausdruck als Göttervater in DIE WALKÜRE, seine Stimme ist bedauerlicherweise jedoch noch ein wenig zu klein für das große Haus, Würde und Erhabenheit im Abschied von seiner Wunschmaid bleiben da doch allzu sehr auf der Strecke.

Ansonsten sind aber überwiegend hervorragende Stimmen zu hören. Auf jede davon einzugehen, würde den Rahmen eines Blog-Beitrages sprengen, zu betonen ist, dass auch die kleinen Rollen – Rheintöchter, Freia, Froh, Walküren, Waldvogel mit einem Solisten des Knabenchors der Chorakademie Dortmund e. V., Nornen – sehr gut besetzt sind. Thomas Blondelle vermag mit geschmeidigem, hellem, bestens fokussiertem Tenor und überaus beweglichem, behändem Spiel zu begeistern, Michael Sumuel ist ein charakterstarker Alberich, Thomas Lehman immer präsent als Donner und Gunther, Ya-Chung Huang ein spielfreudiger, tenoral verschlagen hinterhältiger Mime, Annika Schlicht eine grandiose, dominant starke Fricka wie warm sorgende Waltraute, Lauren Decker eine satte, in tiefsten Altregionen angesiedelte Erda, Felicia Moore eine mehr als rollendeckende Gutrune. Herausragend die Bässe: Tobias Kehrer gibt einen ganz starken Fafner und bedrohlichen Hunding; Albert Pesendorfer vermag mit seinem machtvollen Bass als Fasolt zu berühren, vor allem aber gestaltet er einen zutiefst abgründig bösen, gewaltig machtvollen, von zähem Hass getriebenen Hagen.

Die Rolle der Brünnhilde ist, den verschiedenen Stimmcharakteren entsprechend, auf drei SängerInnen verteilt. Trine Moller ist eine jugendlich sanfte WALKÜRE, die berührt, die gewaltige Phonation in den Hojotoho-Rufen fehlt noch. Mit herrlichem Jubelton stattet Elisabeth Teige die Brünnhilde im SIEGFRIED aus – die Sängerin begeistert, neben dem kernig starken, metallisch glänzenden Siegmund von Matthew Newlin, auch als leidenschaftlich leuchtende Sieglinde. Catherine Foster in GÖTTERDÄMMERUNG ist eine echte Hochdramatische, die mit ungemein kräftig starker Mittellage nur so durch die Orchestermassen zu schneiden vermag, inklusive voller, runder Höhen.

Die beste Gesangsleistung im besuchten zweiten Zyklus ist uneingeschränkt Clay Hilley als Siegfried zu attestieren. So differenziert gestaltet wie wortdeutlich artikuliert hat man diese Rolle schon lange nicht mehr gehört. Dazu singt er beide, bis ins Letzte fordernden Partien mit seinem vor Kraft nur so strotzendem Heldentenor, stentorartig, doch immer flexibel geschmeidig. Der Publikumsjubel nach dem langen, dritten Tag für ihn wie für Catherine Foster und den Dirigenten nimmt, völlig zu Recht, orkanartige Ausmaße an.

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Portait Thomas Rauchenwald
Thomas Rauchenwald
Autor des Blogs „Simply Classic“

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