Das fin de siècle verlischt … Sir Simon Rattle mit Gustav Mahlers IX. im philharmonischen Abonnement

Sir Simon Rattle mit einer fulminanten Wiedergabe von Mahlers IX. im philharmonischen Abonnement © Astrid Ackermann

Sir Simon Rattle, dem in Anerkennung seiner herausragenden und maßstabsetzenden Interpretationen von Gustav Mahlers Werken am 14. April 2026 von der Internationalen Gustav Mahler Gesellschaft die Goldene Mahler Medaille 2026 verliehen wurde, dirigiert im achten Abonnementkonzert 2025/26 die Wiener Philharmoniker in der Matinee am 19. April 2026. Wie bei seinem Debüt mit dem Orchester im philharmonischen Abonnement im Dezember 1993 steht dasselbe, einzige Werk auf dem Programm – die Symphonie Nr. 9 D-Dur von Gustav Mahler.

Dieses singuläre Werk stellt eines der großen Abschiedswerke der Musik dar, dessen geheime Überschrift, wie Paul Bekker vermutete, „Was mir der Tod erzählt“ sei. „Das überbordend Moderne an Mahlers Werk liegt in den Ausdruckswelten, die er der Musik eröffnet hat“ (Malte Krasting). Da der Komponist sein Werk weder selbst dirigiert noch gehört hat, es wurde erst 1912 von Bruno Walter nach dem Tod Mahlers 1911 uraufgeführt, bedeutet es für alle Interpreten eine besondere Herausforderung bei der Ausdeutung des Notentextes, bestimmt hätte der Komponist wie bei seinen vorhergehenden Orchesterwerken auch hier noch an der Instrumentation und Balance gefeilt.

Und Rattle stellt sich dieser Herausforderung in fulminanter Manier. Dieser Dirigent macht klar, dass Mahler, vor allem mit diesem Werk, ein Neutöner ist. Mit höchster Begeisterung und frenetischem Schwung stürzt er sich förmlich in die rhythmisch vertrackten, unharmonischen Schluchten dieses Stückes, reizt die extreme Dynamik dieser genialen Komposition gnadenlos aus. Das Orchester agiert in Bestform an diesem Vormittag.

Todesahnungen, symphonisch ausgeformt, dominieren den ersten Satz; man vermeint, mitten im Leben stehend, vom Tod umfangen zu sein. Satte, herbstliche Klangfarben, wählt Rattle: auswendig dirigierend, kennt er jeden Winkel der Partitur, treibt das Orchester zum Äußersten, seine Vorstellungen werden wie selbstverständlich umgesetzt. Überenergetisch forsch, zwingend, nahezu durchgepeitscht, werden dann die Sätze zwei und drei, der Ländler und die Rondo-Burleske. Wie aus anderen Klangwelten ruft die silbern klingende Trompete im dritten Satz.

Über den vierten Satz, jenes herrliche Adagio, dessen transzendent traurigen Klänge nicht mehr von dieser Welt scheinen, schreibt Robert Seethaler in seinem kurzen Roman „Der letzte Satz“, einem ergreifenden Porträt des Künstlers Gustav Mahler am Ende seines Lebensweges: „…: ein Doppelschlagthema im Aufstieg zum Fortissimo und dann ein Abstieg ins Pianissimo und immer weiter. Langsam und noch langsamer auströpfelnd, versiegend ins Unhörbare. … eine Auflösung. Ein Verstummen in der Ewigkeit.“ Wunderbar gelingt es dem Dirigenten mit der phänomenal klingenden Formation diese beklemmende Abschiedsstimmung ruhig, doch immer auch spannungsgeladen, nachzuzeichnen. Deutlich macht Rattle nachvollziehbar, wie nicht nur Mahlers Werk, „eine Musik, vor der es manchmal scheint, als sei sie jenseits ihrer selbst“ (Carl Dahlhaus), sondern das ganze fin de siècle endgültig im äußersten Pianissimo morendo verlischt.

Stehende Ovationen für Sir Simon Rattle und die Wiener Philharmoniker an diesem Vormittag im Wiener Musikverein.

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Portait Thomas Rauchenwald
Thomas Rauchenwald
Autor des Blogs „Simply Classic“

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