Mit Christian Thielemann verbindet die Wiener Philharmoniker seit langem eine überaus fruchtbare, vertrauensvolle Zusammenarbeit, der Dirigent kann getrost als einer der Lieblingsdirigenten des Orchesters gelten. In der Matinee am 23. August 2026 bei den Salzburger Festspielen im Großen Festspielhaus stehen zwei der beliebtesten Werke von Johannes Brahms auf dem Programm, womit auch der gemeinsame Brahms-Zyklus von Thielemann und den „Wienern“ beendet wird.
Zu Beginn eines der schönsten Solokonzerte überhaupt, Brahms‘ großartiges Konzert für Violine und Orchester D-Dur op. 77, entstanden 1877 bis 1878, gewidmet Joseph Joachim, der es auch 1879 in Leipzig unter der Leitung des Komponisten zur Uraufführung brachte. Solist ist der in Italien geborene, US-amerikanische und deutsche Staatsbürger Augustin Hadelich auf einem edlen, kostbaren Instrument, der Violine „Leduc. Ex Szeryng“ von Giuseppe Guarneri des Gesù aus dem Jahr 1744. Selten hört man das kontrastreiche, melodische Werk, ausgestattet mit weit geschwungenen, lyrischen Partien sowie mit zündenden Rhythmen und rustikalen Humor, so überzeugend wie an diesem Vormittag. Thielemann am Pult eines hervorragend disponierten Orchesters mit vorbildlicher Orchesterkultur gestaltet hingebungsvoll mit, hervorzuheben sind die exzellenten Holzbläser, hier vor allem die berückend gespielte Solooboe von Sebastian Breit im zweiten Satz. Hadelich spielt den Solopart betont romantisch, jedoch nie aufdringlich mit seinem schmelzreichen, süffigen, Geigenton, der immer herrlich über dem Orchester schwebt. Einen Schreckensmoment gibt es zu Beginn der Kadenz im ersten Satz, wo Hadelich eine Saite auf der Violine reißt. Thielemann begleitet den Solisten hinaus, nach ein paar Minuten wird die Interpretation unbeeindruckt fortgesetzt. Dem Publikumsjubel zur Pause folgt eine hinreißend gespielte Zugabe, die Träumerei, bearbeitet für Violine vom Solisten, aus den Kinderszenen op. 15 von Robert Schumann.
Nach der Pause tritt das Paradeorchester unter Führung ihrer Konzertmeister Volkhard Steude und Yamen Saadi zur Wiedergabe von Brahms‘ Symphonie Nr. 1 c-moll op. 68 an. Und das gemeinsame Musizieren des Orchesters mit seiner prächtigen Klangkultur und Thielemanns betont starker Akzentuierung am Dirigentenpult muss als vollendet bezeichnet werden. Thielemann interpretiert das Werk kompakt wie aus einem Guss, zielstrebig vom Anfang bis zum Ende, ungemein warme Orchesterfarben fordernd, das Orchester folgt ihm in allen Nuancen bereitwillig, mit sicht- wie hörbarer Freude. Zum Höhepunkt gerät der große, vierte Satz, an Spannung nicht zu überbieten, mit einem einfach nur grandiosen Gefühl evozierenden Jubel des Schlusses. Frenetischer Beifall zu Mittag im Großen Festspielhaus.