Der große niederländische Dirigent Bernard Haitink (1929 – 2021) verfügte auch über eine besondere Beziehung zu Klassik-Institutionen in England. Bevor er ab 1978 für zehn Jahre die musikalischen Geschicke des Glyndebourne Opera Festivals bestimmte und von 1987 bis 1998 als Musikchef des Royal Opera House Covent Garden London wirkte, stand er in den Jahren von 1967 bis 1979 dem London Philharmonic Orchestra als Chefdirigent vor.
Eine neue Box der Decca widmet sich nun zur Gänze seinen Londoner Jahren. Zu hören sind zwingende Interpretationen, nicht zuletzt durch die hervorragende Aufnahmetechnik der Toningenieure des ehemaligen Labels PHILIPS und DECCA. Das Klangbild der Aufnahmen präsentiert sich als äußerst transparent, sodass Haitinks Interpretationen ihren zwingenden Charakter voll entfalten können.
Exemplarisch geraten – neben dem herausragenden Zyklus sämtlicher Klavierkonzerte von Beethoven mit dem Ausnahmepianisten Alfred Brendel – die jetzt lange nicht erhältlich gewesenen kompletten Symphonien von Ludwig van Beethoven, für viele seine besten Deutungen dieser Werke, dazu ausgewählte Symphonien von Dmitri Schostakowitsch, hier vor allem die 4., 7. und 10., sowie von Igor Strawinsky die drei großen Ballette – Der Feuervogel, Petruschka, Le Sacre du Printemps.
Höchst interessante Aufnahmen sind auch noch beispielsweise vom Cellokonzert von Antonin Dvorak, mit Maurice Gendron als Solisten, Felix Mendelssohn-Bartholdys Symphonien 3, 4 und 5, Elgars Enigma-Variationen, The Planets von Gustav Holst, Sheherezade von Nikolai Rimsky-Korsakoff, Tondichtungen und die Klavierkonzerte, wieder mit Brendel als Solisten, von Franz Liszt, und – aus seiner Zeit am Royal Opera House Covent Garden – eine Gesamtaufnahme von Giuseppe Verdis fünfaktigem, italienischem Don Carlo mit Galina Gorchakova, Olga Borodina, Richard Margison, Dmitri Hvorostovsky und Roberto Scandiuzzi in der Box enthalten.
Haitink war ein Dirigent, der nie in der Ekstase der Musik aufgegangen ist: eher nüchtern kühl, weniger emotional, kamen seine schnörkellosen Interpretationen daher, die aber stets von intellektueller Tiefgründigkeit geprägt waren. Im Mittelpunkt bei ihm standen immer die Kompositionen, nicht er als interpretatorischer Gestalter. Ging er aber aus sich heraus, waren Explosionen die Folge, wie zum Beispiel in Schostakowitschs 10. Symphonie. Und auch zart, nahezu verletzlich, konnten seine Dirigate klingen, beispielsweise in Dvoraks Cellokonzert, oder in den Mittelsätzen der Klavierkonzerte von Beethoven, wo er eine nahezu magische Partnerschaft mit dem Pianisten Brendel eingeht.
Zusammenfassend haben seine überwiegend objektiven Londoner-Interpretationen ohne Effekthascherei ebenso Maßstäbe gesetzt wie seine Aufnahmen mit dem Koninklijk Concertgebouw Orkest Amsterdam. Die Anschaffung der soeben erschienenen, repräsentativen Box ist mehr als empfehlenswert.
Bernard Haitink, London Philharmonic Orchestra, Complete Recordings On DECCA § PHILIPS, 31 CDs, DECCA, 485 40 42