Zu Beginn der neuen Spielzeit 2026/27 setzt die Wiener Staatsoper Giuseppe Verdis dramma lirico in der italienischen, vieraktigen Mailänder Fassung aufs Programm und wird man in der Vorstellung am 7. September 2027 vor allem musikalisch beglückt.
Nach einem langen, anstrengenden Festspielsommer als Wiener Philharmoniker in Salzburg zeigt sich das Orchester der Wiener Staatsoper von seiner hervorragenden Seite, wird doch groß aufgespielt, wunderbaren Orchesterklang verströmend. Dirigent Pier Giorgio Morandi am Pult setzt auf Feuer, Dramatik und Leidenschaft, immer wird mit enormer Ausdruckskraft musiziert, einen hohen Lautstärkepegel nicht aussparend, bisweilen wäre etwas weniger wahrscheinlich mehr gewesen. Sei’s d’rum – Verdis großartiges Meisterwerk geht so, man kann sich an dieser mitreißenden Wiedergabe nur erfreuen, vor allem, weil auch Sängerinnen und Sänger mit ausnahmslos starken Stimmen zur Verfügung stehen.
Die kleinen Rollen sind sehr solide besetzt – Florina Ilie (Stimme vom Himmel), Hiroshi Amako (Graf von Lerma, Herold), Ilia Staple (Tebaldo) und Dan Paul Dumitrescu als warmstimmiger, sonorer Mönch. Ungemein bedrohlich und gefährlich, rollenimmanent passend, weil furchterregend klingt der Bass von Ain Anger als Großinquisitor. Günther Groissböck singt Philipp II. mit starker Rollengestaltung, überzeugt mit mächtigem, imposantem Bass, die Szene zwischen König und Kardinal Großinquisitor gerät zu einem eindrucksvollem Höhepunkt der Aufführung. Rodrigo, Marquis von Posa wird von Ètienne Dupuis mit großem Ausdruck gesungen, stark um den Ton eines echten, kantablen Kavalierbaritons bemüht. In der Titelrolle ist Vittorio Grigolo aufgeboten, der die Partie als echter Tenorismo singt, seine kräftig präsente, bisweilen scharfe Tenorstimme mit Biss passt gut zur Rolle des neurotischen Infanten. Die besten sängerischen Leistungen erbringen an diesem Abend die beiden Damen: Eve-Maud Hubeaux mit hellem, großem Mezzosopran als fulminante, leidenschaftliche Prinzessin Eboli und Elena Stikhina als Elisabetta. Deren große Szene und Arie im vierten Akt hat man lange nicht mit derartig wunderbarem Leuchten und Strahlen in den Höhen gehört, die Sängerin weiß aber auch mit lyrischen Phrasen und dramatischen Ausbrüchen zu überzeugen. Martin Schebesta hat den Chor der Wiener Staatsoper gut präpariert und wird differenzierter Chorgesang in die Aufführung eingebracht.
Was nun die Szene betrifft, überzeugt, neben einer nicht unästhetischen Ausrichtung der gesamten Inszenierung, eine genau gearbeitete, gekonnte Personenregie und Personenführung. Für den russischen Film-, Theater und Opernregisseur Kirill Serebrennikov bedeutet DON CARLO zwar Verdis „opus magnum“ und „ein apokalyptisches Drama über die Macht“, wie er selbst erklärt, allein, was dann auf der Bühne zu sehen ist, vermittelt jedoch wenig, was die Vorlage, Friedrich Schillers DON KARLOS und die Opernversion des Komponisten daraus, ausmacht.
Angesiedelt ist das Werk in dieser Deutung im trostlos kalten Ambiente eines Instituts für Kostümkunde, von einem Originalschauplatz im japanischen Kyoto inspiriert. Für die Ausstattung ist der Regisseur selbst verantwortlich, für das bisweilen kalte, jeglicher Plastizität wie Stimmigkeit entbehrende Licht Franck Evin. Die spanischen Hoftrachten des 16. Jahrhunderts haben den Regisseur zu einer szenischen Auseinandersetzung über die Gefangenschaft des menschlichen Körpers in Vergangenheit und Gegenwart angeregt, die alte Mode am Hof bringt Serebrennikov mit den verheerenden Bedingungen der heutigen Textilproduktion, -vermarktung und -entsorgung in Verbindung. Don Carlo, Elisabetta und Eboli sind Angestellte in diesem Kostüminstitut, das von Philipp II. autokratisch menschenverachtend geführt wird. Der Grossinquisitor ist ein die Bedingungen diktierender Großkunde, Marquis Posa geistert als Gewerkschafter und Umweltaktivist durch die Handlung. In diesem bisweilen fragwürdigen Arrangement überzeugen nur die Kostüme aus dem 16. Jahrhundert, die nachgebaut wurden, und von der Komparserie getragen werden. Die Protagonisten schlüpfen zu allem Übermaß selbst zwischendurch in historisch angehauchte Kostüme, sodass die Ebenen verschwimmen. Serebrennikov hat gewiss etwas aus dem Stück „gemacht“, jemand, der es aber nicht kennt, versteht wenig, zumal in der vieraktigen Mailänder Fassung ja auch der einleitende, erläuternde wie erhellende Fontainebleau-Akt fehlt. Dass Verdis DON CARLO mit seiner großartigen Musik, aus der das Drama entwickelt und erzählt werden sollte, von einem diktatorisch monarchischen Staat handelt, der seinerseits wieder nur vom Klerus regiert wird mit all‘ seinen aufklärerischen Bestrebungen nach Gedankenfreiheit und Freiheit überhaupt, erschließt sich nicht, gerade dieser gesellschaftspolitische Hintergrund ließe sich aber überzeugend in unsere Zeit übertragen.
Das Publikum spendet am Schluss allen Ausführenden starken Beifall.