Eine politische Festoper äußerst lau – „La clemenza di Tito“ an der Wiener Staatsoper

Emily d'Angelo (Sesto) und Hanna-Elisabeth Müller (Vitellia) in Mozarts LA CLENZA DI TITO an der Wiener Staatsoper © Marcella Ruiz-Cruz / Wiener Staatsoper

Die nächste Premiere der aktuellen Saison der Wiener Staatsoper gilt LA CLEMENZA DI TITO mit der Musik von Wolfgang Amadeus Mozart und dem Libretto von Caterino Tommaso Mazzolà nach Pietro Metastasio. Bei dem Werk handelt es sich um eine Festoper anlässlich der Krönung von Kaiser Leopold II. zum König von Böhmen in Prag, und war auch gedacht, dem Herrschenden einen Spiegel vorzuhalten, im Hinblick auf das Gemeinwohl ihre eigenen Interessen wie Befindlichkeiten im Zaum zu halten. Zudem durchleuchtet das Stück im Grunde die Irrungen der Liebe.

Politischen Anspielungen – man könnte den römischen Kaiser Titus Flavius Vespasianus ja auch als Friedensboten ähnlich Mahatma Gandhi oder Nelson Mandela einerseits oder andererseits diametral als den in den Medien überrepräsentierten Donald Trump oder den Rechtspopulisten Viktor Orban in Verbindung wie auf die Bühne bringen – verweigert sich Regisseur Jan Lauwers glücklicherweise. Vom Versuch, die handelnden Personen und Menschen in ihrer Vielschichtigkeit zu präsentieren, ist in der über weite Strecken langweiligen, bereits in der dritten Aufführung am 16. März 2026 altbacken wirkenden Neuinszenierung von Jan Lauwers aber wenig erkennbar, gelingt es diesem doch nicht, das emotional mehrdeutige Spinnengeflecht der handelnden Personen auch nur ansatzweise sichtbar zu machen. Ödes Stehtheater regiert über weite Strecken, Personenregie und Personenführung, subtil fundiert, aus der Musik entwickelt, findet so gut wie gar nicht statt, die Ausführenden auf der Bühne sind sich selbst überlassen. Was am Stück zeitgemäß – im Vorfeld der Produktion sinniert der Regisseur darüber, dass wir derzeit in Europa im Wesentlichen erleben, wie die Demokratien in populistische Ochlokratien und Diktaturen abgleiten – sein soll, erklärt sich in dieser Regiearbeit nicht. Für die Bühne ist der Regisseur selbst verantwortlich, die Kostüme hat Lot Lemm entworfen. Zu all dem gesellt sich noch eine die Handlung begleitende, dauerpräsente Choreografie, die schnell ermüdend und störend wirkt: Lauwers, von Malerei und Tanz herkommend, arbeitet mit einer kleinen Tanztruppe, womit es jedoch kaum gelingt, das Seelenleben der Personen zu bekräftigen bzw. zu verdeutlichen. Als platt erweist sich auch die Idee, den Brand des Kapitols im Finale des ersten Aktes zusätzlich mit der Treppensequenz aus dem Film „Panzerkreuer Potemkin“ von Sergej Eisenstein zu illustrieren. Zusammenfassend gerät Lauwers nicht unästhetisch anzusehende Inszenierung über weite Strecken blass und lau.

Im Gegensatz zur Szene ist die musikalische Seite, was den Graben betrifft, ganz hervorragend. Am Pult des Orchesters der Wiener Staatsoper steht der von der alten Musik bis zur Avantgarde in allen Richtungen firme Pablo Heras-Casado, der eine glänzende Visitenkarte seiner Qualitäten abgibt. Mitunter rasant, höchst akzentuiert, mit überwiegend organisch fließenden, zwingenden Tempi setzt er Mozarts späte opera seria gekonnt um, das spielfreudige Orchester folgt ihm willig, die Klangfarben der modernen Instrumente ergeben einen eigenen Reiz in Verbindung mit Heras-Casados Interpretation.

Auf der Bühne ist zwar ein homogenes SängerInnenensemble zu vernehmen, allein, im keineswegs die Stimmen in den Zuschauerraum reflektierenden, kahlen, bisweilen leeren Bühnenbild können sich diese, weil phonetisch wenig auftrumpfend, kaum entfalten.  Zu hören sind – neben Katleho Mokhoabane in der Titelrolle als Mozarts milder, gütiger Kaiser, der allen verzeiht – Florina Ilie (Servilia), Cecilia Molinari (Annio) und Matheus Franca (Publio). Die besten Gesangsleistungen des Abends lassen noch Emily d’Angelo und Hanna-Elisabeth Müller vernehmen, die als verzweifelter Sesto sowie als furiose Vitellia gefallen – und deren Partien Mozart auch mit den populärsten Nummern seiner Oper versehen hat. Sestos Arie „Parto, ma tu ben mio“ schmückt der Komponist mit einer obligaten Klarinette, Vitellias Rondo „Non piu di fiori“ mit einem Bassetthorn, und bilden diese mit ihrer einzigartigen psychologischen Klangwelt die einsamen Höhepunkte des Abends.

Begeisterter Publikumsjubel am Ende hört sich anders an. In die Annalen der Wiener Staatsoper wird dieser „Titus“ nicht eingehen.

Themenschwerpunkte
Portait Thomas Rauchenwald
Thomas Rauchenwald
Autor des Blogs „Simply Classic“

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