Zaubertheater zu Saisonbeginn im Theater an der Wien

Vera-Lotte-Boecker als LA CALISTO von Francesco Cavalli im Theater an der Wien © Matthias Baus

LA CALISTO, Dramma per musica in drei Akten, mit der Musik von Francesco Cavalli und dem Libretto von Giovanni Faustini, im November 1651 zur Eröffnung der Karnevalsspielzeit in Venedig uraufgeführt, gilt als der größte Misserfolg einer Oper im 17. Jahrhundert. 1970 bearbeitet und in Glyndebourne aufgeführt, erlebt das Werk seinen Durchbruch dann in Brüssel – die Inszenierung von Herbert Wernicke wurde auch an der Berliner Staatsoper und 2003 bei den Wiener Festwochen gezeigt. Dieses Stück wünscht sich der Hausherr im Theater an der Wien, Intendant und Regisseur Stefan Herheim, zur Eröffnung der neuen Spielzeit und inszeniert das Werk auch gleich selbst, in Koproduktion mit der Staatsoper Unter den Linden Berlin.

Diese Oper kennzeichnet ein wildes, pansexuelles Treiben um Verführung, Liebe und Begehren, gar nicht jugendfrei geht es durcheinander, sprengt sämtliche heteronormativen Grenzen, mit teils derben sexuellen Anspielungen. All das bringt der Regisseur auf den Punkt, lässt Götter, Nymphen und Satyrn so richtig tanzen. Die verschiedenen Ebenen des Stückes – eine vordergründig wüste Komödie, das Venedig des 17. Jahrhunderts sowie griechisch mythologische Geschichten mit auch literarischen und philosophischen Anspielungen – freizulegen, das kann Stefan Herheim nahezu bis zur Perfektion. Seine Regiearbeit hat Drive und Verve, überschäumende Komik, in der äußerst bewegungsreichen Choreografie von Beate Vollack erbringen die Sängerinnen und Sänger auch darstellerische Höchstleistungen. Barockes Musiktheater sollte alle Sinne ansprechen, die spielfreudige, rauschhafte Revue von Herheim, ganz im Einklang mit der Musik stehend, ist großes Kino, die Bühne von Silke Bauer gemahnt an eine Art singendes Bühnenbild, Yashi steuert auffallende Kostüme bei, das magische, plastische Licht, in das die Bühne getaucht ist, hat der Regisseur selbst gemeinsam mit Karl Wiedemann kreiert. Götter bleiben bei Herheim Götter mit ihrer ganzen Menschlichkeit: die Inszenierung spielt mit Archetypen, zu sehen und zu erleben ist überbordend zauberhaftes, echtes Musik-Theater, aus Musik und Text entwickelt, psychologisch fundiert auf die Bühne gebracht, in Reinkultur.

Die musikalische Herausforderung des Werkes ist der Umstand, dass bei Cavalli oft nur Gesangsstimme und Generalbass notiert sind. Christina Pluhar am Pult des Ensembles L’Arpeggiata haben alles Weitere aus dem Zusammenhang und der musikalischen Praxis heraus entwickelt. Kam Cavalli mit nur sechs Instrumentalisten aus, wird im heute im Theater an der Wien das Instrumentarium erweitert und reich aus der Vielfalt der Musik dieser Zeit von der Kirchenmusik über das Madrigal bis zur Kammermusik geschöpft, wodurch das Publikum die ganze Farbigkeit, den ganzen musikalischen Reichtum der vergangenen Epoche hören und miterleben kann. Pluhar musiziert intensiv, fetzt zwischendurch nur so durch die Partitur, kostet aber auch die kontemplativen Abschnitte aus. Vor allem nach der Pause entfaltet sich der warme, edle Klang der Instrumente der formidablen Formation auf wunderbare Art und Weise.

Was die Sängerinnen und Sänger betrifft, ist eine echte Ensembleleistung zu vernehmen, Homogenität in allen Facetten. Genannt seien Vera-Lotte Boecker (Calisto), Milan Siljanov (Giove), und vor allem Luciana Mancini (Diana). Daneben sind besetzt – Arnaud Gluck (Endimione / Furia II), Giuseppina Bridelli (Giunone / L’Eternita), Marcel Beekman (Linfea / La Natura), Renato Dolcini (Mercurio / Il Destino), Jake Arditti (Satirino / Furia I), Juan Sancho (Pane) und Joao Fernandes (Silvano).

Bleibt als einziger Wermutstropfen, dass das Stück nach der Pause dann zwischendurch etwas langatmig daherkommt: entsprechende Straffungen hätten der Produktion nicht geschadet, um den bis zur Pause im ersten Teil des Abends herrschenden, so furiosen musikalisch-szenischen Fluss auch bis zum Schluss des zweiten Teiles hin uneingeschränkt durchzuhalten.

Am Ende heftiger, lautstarker Beifall vom Premierenpublikum für alle Ausführenden ohne Missfallenskundgebungen.

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Portait Thomas Rauchenwald
Thomas Rauchenwald
Autor des Blogs „Simply Classic“

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