Verdis „Vespri“ wieder in Wien

Die sizilianische Vesper
John Osborn (Arrigo) und Rachel Willis-Sorensen (Herzogin Elena) © Stephan Brückler

Die Partitur zu „I vespri siciliani“ gilt unter Kennern als eine der reichsten und kostbarsten aus der Feder von Giuseppe Verdi. 1855 in französischer Sprache als grand opéra in fünf Akten in Paris im Rahmen der Weltausstellung uraufgeführt steht das Werk nunmehr in italienischer Sprache mit dem Text von Eugenio Calmi nach dem französischen Libretto von Eugéne Scribe und Charles Duveyrier wieder auf dem Spielplan der Wiener Staatsoper – in der Inszenierung von Herbert Wernicke aus dem Jahr 1998.

Mag die Zeit auch die Ästhetik ein wenig überholt haben, die Inszenierung Wernickes, der auch für die Ausstattung und das Licht verantwortlich zeichnet, beeindruckt noch heute, vor allem die Riesentreppe, die zeitweise vom Souffleurkasten bis zur Galerie hinauf reicht. Stimmungen für die Situationen erzeugt er durch plastisches Licht, ästhetische Kostüme und wenige Requisiten wie ein Boot bei der Rückkehr Procidas in seine sizilianische Heimat oder ein Gitter in der Kerkerszene. Die Mitwirkenden haben nur Schwierigkeiten, sich auf diesem Konstrukt adäquat zu bewegen, wenn die Einstudierung einer subtilen Personenführung vernachlässigt zu werden scheint wie im Rahmen der Wiederaufnahmeserie, so auch in der besuchten Vorstellung am 16. Januar 2024.

Geschmeidig, fein, elegant, mehr dem französischen Original verhaftet als der italienischen Fassung, klingt Verdis Musik unter der Leitung von Carlo Rizzi, der am Pult des Orchesters der Wiener Staatsoper auf mehr geschärfte, dramatischere wie gestalterische Akzente setzen sollte, weshalb deutlich ein unerfüllter Rest, was die musikalische Seite der Aufführung betrifft, übrigbleibt.

Dafür sind erstklassige Stimmen zu hören. Star des Abends hätte gewiss Erwin Schrott als Giovanni da Procida sein sollen, der aber in seiner großen Auftrittsarie „O tu Palermo“ merkwürdig blass bleibt, sich im Laufe des Abends glücklicherweise noch in profundere Bassregionen steigert. Rachel Willis-Sorensen als Herzogin Elena verfügt über einen vollen, runden Sopran und punktet mit strahlenden Höhen, die betont helle Stimme könnte rollenimmanent ein dunkleres Timbre aufweisen, was aber reine Geschmackssache ist. Als Arrigo aufgeboten ist der Tenor John Osborn, der sich als ausgewiesener (französischer) Stilist mit der Partie im französischen Original, wo die Gesangslinie an einer ganz anderen Stelle ihren Höhepunkt erreicht und manchmal an einem anderen Vokal gewiss wohler gefühlt hätte als in der gegebenen italienischen Version. Osborn besticht aber durch passioniertes Legatosingen und geschmackvolles Phrasieren auf der ganzen Linie. Uneingeschränkt die beste Gesangsleistung des Abends ist aber dem Bariton Igor Golovatenko als Guido di Monforte zu attestieren, dessen körnig grundierte Stimme stark und schallend in die Staatsoper tönt, dass es die reinste Freude ist und der auch eine ungemein starke Differenzierungskunst sein Eigen nennen darf.

Allein wegen der sängerischen Leistungen lohnt die Wiederbegegnung mit diesem Werk, womit Verdi einen wichtigen Schritt in Richtung italienisches Musikdrama vollzogen hatte. Vielleicht entschließt sich die Direktion dazu, das Werk in einer der nächsten Spielzeiten auch im französischen Original auf die Bühne zu bringen?

Portait Thomas Rauchenwald
Thomas Rauchenwald
Autor des Blogs „Simply Classic“

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