Russisches aus Leipzig im Fokus Andris Nelsons im Wiener Musikverein

Andris Nelsons und das Gewandhaushausorchester Leipzig im Wiener Musikverein © Thomas Rauchenwald

Der aus Lettland stammende Dirigent Andris Nelsons gestaltet als Künstler im Fokus in der aktuellen Saison im Wiener Musikverein einen eigenen Zyklus. Im Konzert am 18. Mai 2026 mit dem ältesten bürgerlichen Symphonieorchester, dem Gewandhausorchester Leipzig, bei dem er seit der Saison 2017/18 den traditionellen Titel „Gewandhauskapellmeister“ trägt, dirigiert er Werke ausschließlich russischer Komponisten.

Im ersten Konzertteil steht das Konzert für Klavier und Orchester Nr. 2 e-moll op. 18 von Sergej Rachmaninow auf dem Programm, ein Hauptwerk des Komponisten und eines der beliebtesten Werke der Gattung überhaupt. Die aus Moskau stammende russische Konzertpianistin Yulianna Avdeeva, Preisträgerin des Internationalen Chopin-Klavierwettbewerbes in Warschau 2010 als erst vierte Frau, bezeichnet, neben Rachmaninow als ihrer Meinung nach besten Pianisten, ihre Vorgängerin Martha Argerich als weiters Vorbild. Markenzeichen von Avdeevas Pianistik sind eine gezügelte, kraftvolle Leidenschaft wie eine sensible, kontrollierte Noblesse, Effekte vermeidet sie geschmackvoll. Lag es am Pedalschleier, der ihre Interpretation umweht, dass Rachmaninows Konzert an diesem Abend nicht so recht zur Geltung kommt? Besonders schön gelingt ihr allerdings der gesangvolle zweite Satz. Mit dem Präludium Des-Dur op. 87/1a von Dmitrij Schostakowitsch als Zugabe verabschiedet sie sich vom Publikum – und leitet programmatisch über zum zweiten Teil des Konzertes.

Nach der Pause tritt das Orchester mit seinem dunklen, warmen, erdigen, romantisch geprägten, leuchtenden, dennoch transparenten Klang, in Großformation an zur Aufführung der Symphonie Nr. 10, e-moll, op. 93, von Dmitri Schostakowitsch, uraufgeführt im Dezember 1953 im Großen Saal der Leningrader Philharmonie unter Jewgeni Mrawinski. Ungemein kompakt, kraftvoll, zwingend intensiv, aus einem Guss gerät die Interpretation von Nelsons, das Orchester zeigt sich in allen Instrumentengruppen hervorragend aufgestellt und brillieren die Solisten, besonders Fagott, Klarinette, Horn und Violine, in ihren Aufgaben.

Die Stimmung des langen ersten Satzes – ständig drohende Bedrängnis, dumpfes Brüten, unentwirrbares Grübeln – wird in der Interpretation von Nelsons beinahe unerträglich, so intensiv vermittelt er das Wesen dieser Musik.

Ob die hämmernde Groteske des zweiten Satzes tatsächlich das Porträt Stalins – das Ableben des Diktators Anfang März 1953 war zweifellos eine Zäsur im Leben des Komponisten – darstellt oder nicht, sei dahingestellt: Nelsons setzt hier auf gepeitschte Motorik wie auch brutalen Lärm, lässt aber auch in diesen martialischen Ausbrüchen die Formation in ihrer ganzen Klangkultur walten, was den kurzen Satz vielleicht noch umso eindringlich abgründiger macht.

Wie in anderen Werken auch, arbeitet Schostakowitsch im dritten Satz mit dem Motiv D-Es-C-H, das die musikalische Umschreibung seiner Initialen darstellt, und zusätzlich mit einem weiteren Monogramm aus Tonbezeichnungen, „Elmira“, womit die Komponistin und Pianistin Elmira Nasirowa, eine Muse des Komponisten, gemeint ist. Nach Aram Chatschaturjan „ein originelles Notturno von ausdrucksstarker Lyrik und voll tiefer Besinnung“, betont Nelsons das Tänzerische dieses Satzes, lässt im Mittelteil die Dramatik stark anwachsen, die Ruhe am Ende des Satzes nimmt breiten Raum ein.

Den vierten und letzten Satz schließlich, in seiner sonderbar überdrehten Ausgelassenheit, seinem Gerassel des Irrsinns, erfasst er interpretatorisch dann ganz in seiner Zweideutigkeit, handelt es sich dabei, auch beim überaus effektvollen Ende, doch nur um eine stark eingeschränkte, freudige Manifestation. Was an Nelsons‘ erschütternder Interpretation dieses Werkes besticht, ist der Aufbau bedrohlicher, latent unangenehmer Spannung, die er über die ganzen vier Sätze steigert und bis zum Schluss halten kann.

Jubel im Wiener Musikverein für Andris Nelsons und die Gäste aus Leipzig. Keine Zugabe. Welche auch nach diesem niederschmetternden Werk?

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Portait Thomas Rauchenwald
Thomas Rauchenwald
Autor des Blogs „Simply Classic“

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