Laut, lauter, am lautesten – STIFFELIO von Giuseppe Verdi im MusikTheater an der Wien

Luciano Ganci als Verdis STIFFELIO im Theater an der Wien in der Inszenierung von Vasily Barkhatov © Werner Kmetitsch

STIFFELIO ist ein Dramma lirico in drei Akten mit der Musik von Giuseppe Verdi und dem Libretto von Francesco Maria Piave. Die Handlung um einen evangelischen Prediger in Deutschland im 19. Jahrhundert basiert auf dem 1849 uraufgeführten Schauspiel Le pasteur, ou L’évangile et le foyer von Èmile Souvestre und Eugène Bourgeois. Uraufgeführt 1850 in Triest, wurde das Werk nach Problemen mit der Zensur zum 1857 in Rimini uraufgeführten AROLDO umgearbeitet. Erst in den späten 1960er Jahren wurde die Originalpartitur des Stückes in der Bibliothek des Konservatoriums Neapel aufgefunden, so dass eine unverfälschte Aufführung des STIFFELIO möglich wurde und fand die erste Wiederaufführung 1968 unter der Leitung des Schweizer Dirigenten Peter Maag in Parma statt.

Das im Anschluss an LUISA MILLER vertonte Stück war die Oper, die Verdis „Trilogia populare“ – RIGOLETTO, IL TROVATORE, LA TRAVIATA – vorausging: nach Meinung des Verdi-Biographen Julian Budden gehören diese Jahre zwischen 1849 und 1853 „zu den fruchtbarsten Zeiten“ Verdis. Die Musik ist spannend leidenschaftlich, kurzweilig, man könnte da viel daraus machen, weil das Werk eine interessante Wiederbegegnung mit einem im Grunde zu Unrecht vernachlässigtem Stück darstellt. Bedauerlicherweise nicht so Jèrèmie Rhorer mit dem ORF Radiosymphonieorchester Wien. Mit dem pauschal aufspielenden, ja knallenden Orchester, verwechselt dieser nämlich Brio und Dramatik einzig mit Lautstärke, die, im Dauer-Fortefortissimo bald lähmend, für wenig Erquickung aus dem Graben sorgt. Daran hat sich leider auch in der zweiten Aufführung der Premierenserie am 15. Mai 2026 nichts geändert. Was die Vortragsbezeichnungen betrifft, gewinnt man den Eindruck, Rhorer möchte die Pariser Bastille oder die New Yorker MET beschallen, jedenfalls zwingt seine Gangart die Ausführenden auf der Bühne zu permanent lautem, unangenehmem Plärren. Schade, denn es sind ohnehin große, starke Stimmen aufgeboten. In den kleinen Rollen bieten dieser unangebrachten, gewaltigen Orchesterphonation Stepanka Pucalkova (Dorotea), Alessio Cacciamani (Jorg) und Luigi Morassi (Raffaele Leuthold) Paroli. Lina ist mit Joyce El-Khoury besetzt, die ihren an sich ansprechenden Sopran in bisweilen schrill scharfe lirico-spinto-Sphären forcieren muss. Der robust metallische Tenor von Luciano Ganci, dem eine überwiegend sehr gute Leistung zu attestieren ist, erinnert mit seinen gefährlich bedrohlichen Ausbrüchen ein wenig an einen Otello. Die uneingeschränkt beste Gesangsleistung des Abends erbringt Franco Vassallo als Stankar mit prächtig schallendem, trotz der Lautstärke des Orchesters nie gefährdeten Bariton. Und auch der Arnold Schoenberg Chor, einstudiert von Viktor Mitrevski, lässt sich von den Orchestermassen nicht beeinträchtigen und steuert seinen gewohnt hervorragenden Chorgesang bei.

Die szenische Eigenart dieses Werkes ist der Umstand, dass es – im Gegensatz zu den meisten anderen Opern aus der Feder des ausgewiesenen Theatermannes Verdi – mit sehr wenig Handlung auskommt und sich stattdessen zu großen Teilen auf die Gedankenwelt der ProtagonistInnen fokussiert. Der aus Moskau stammende Regisseur Vasily Barkhatov und sein Team – Christian Schmidt (Bühne), Stefanie Seitz (Kostüme), Alexander Sivaev (Licht) und Andreas Deinert (Video) – nehmen diese Tatsache ungemein ernst. In der aktuellen Neuproduktion im Theater an der Wien spielt die Handlung nicht in einer deutschen evangelischen Gemeinde, sondern – drastisch verstärkend – im Milieu der Amish, einer sektenähnlichen, täuferisch-protestantischen Glaubensgemeinschaft, die seit Ende des 17. Jahrhunderts existiert, auf Technik weitgehend verzichtend, und heute überwiegend in den USA abgeschieden lebt. Auf der Drehbühne machen sich immer wieder kammerspielartig Räume auf, die in den Alltag, aber auch tief in das Seelenleben der Figuren mit ihrer ganzen Eigenart blicken lassen. Personenführung und Personenregie geraten überzeugend, Barkhatov schafft das Kunststück, dass in einer typischen Belcanto-Oper nicht Stehtheater herrscht und von der Rampe gesungen wird. Die gelungene, ansprechende Regie bindet sogar das schöne Trompetensolo der Ouvertüre – von Verdi für einen besonders virtuosen Musiker im Uraufführungsorchester in Triest komponiert – in die Inszenierung ein.

Bevor er ein erfolgreicher, beliebter Prediger in einem neuen, streng religiösen Leben wurde, war Stiffelio in dieser Version ein erfolgreicher Jazztrompeter namens Rodolfo Müller. Nachdem er seinen mafiösen Gönner mit dessen Geliebter betrogen hatte, flieht er vor den Mafiaschergen in der Pferdekutsche des Amischen Stankar, ehelicht dessen Tochter Lina, und wird selbst zum Betrogenen. Aber seine Vergangenheit holt ihn ein: am Schluss der Oper, wo er Lina schließlich verzeiht, wird er von den Mafiaschergen, entgegen dem Libretto, ermordet. So kann modernes Musiktheater funktionieren – und funktioniert dieses Mal im Theater an der Wien auch hervorragend.

In den enden wollenden Applaus, die SängerInnen hätten sich deutlich mehr an Zustimmung verdient, mischen sich zu Recht einige Buhrufe für den Dirigenten.

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Portait Thomas Rauchenwald
Thomas Rauchenwald
Autor des Blogs „Simply Classic“

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