Die Wiener Staatsoper wartet zu Beginn der neuen Saison 2026/27 mit einer Premiere der besonderen Art auf, indem zwei selten gespielte Einakter verbunden werden, wobei die Handlungen beider Opern verschränkt werden. EINE FLORENTINISCHE TRAGÖDIE von Alexander Zemlinsky wurde im Haus am Ring nur im Jahr der Uraufführung 1917 gespielt, A KÈKSZAKÀLLÙ HERCEG VÀRA (HERZOG BLAUBARTS BURG) von Bèla Bartòk zuletzt im Jahr 1989. Sein Regiedebüt am Haus feiert Regisseur Vasily Barkhatov, der die beiden Kurzopern, jedes Werk dauert ungefähr eine Stunde, im Rahmen einer Psychoanalyse verbindet.
Über beide Werke – Nachtstücke des Begehrens mit jeweils einer Femme fatale des Fin de siecle als Handlungsträgerin – wird versucht, einen Bogen zu spannen, der vom Ende des ersten bis zum Schluss des zweiten Stückes gehalten werden kann, die Pause unterbricht die latente Spannung nicht. Man muss der Regiearbeit zugutehalten, dass ihr Konzept letzten Endes funktioniert, wenngleich auch nicht vollends schlüssig, aufgeht, weil das Zemlinsky-Stück total am überaus schwülstigen Text – von Oscar Wilde in der deutschen Übersetzung von Max Meyerfeld – vorbei inszeniert wird. Aus Bianca bei Zemlinsky vor der Pause wird nach der Pause bei Bartok Judith; Biancas Ehemann Simone ist nach der Pause Blaubart, Biancas Liebhaber in Florenz, Guido Bardi, ist ein Therapeut, der die Ehe der beiden retten soll, er wird von Simone ermordet; dem Sex zur Versöhnung der beiden, wohl in der Pause, folgt nach der Pause die Aufarbeitung ihres Beziehungsdramas. Das Ergebnis ist zwingendes Regietheater bei Bartok, bei Zemlinsky wirkt dieser Ansatz doch zu krampfhaft aufgesetzt. Judith, die Eltern, Bruder und Verlobten hinter sich lässt, weil sie, ihm verfallen, dem Psychopathen Blaubart auf seine Burg folgt und die Geheimnisse seiner Seele – die sieben Türen – öffnen, erkunden will: diese Geschichte kommt aber derart selten abgründig wie bei Barkhatov auf die Bühne. Basierend auf einer subtil psychologischen Personenregie wie ausdrucksvollen Personenführung erschließt sich auch der düstere Text in Bartòks Wurf eines Opern-Einakters auf selten beeindruckende Art und Weise.
Bartòks Oper – das Libretto hat Bèla Balasz unter dem Eindruck des symbolistischen Librettos von Maurice Maeterlinck für Pauls Dukas‘ Oper ARIANE ET BARBE-BLEUE verfasst – thematisiert vor allem die Unvereinbarkeit der Geschlechter wie die scheiternde Paarkommunikation, die gescheiterte Geschlechterbeziehung bleibt letztlich unerlöst. Bei Barkhatov arbeiten Judith und Blaubart ihre aus dem Lot geratene Beziehung gemeinsam auf, legen schmerzlichste Traumata frei, finden am – im Original trostlosen Ende – eine neue Qualität des gemeinsamen Zusammenlebens. Diese Deutung schafft Beklemmung, im Bartòk-Stück kommen auch das loftähnliche Bühnenbild, angereichert durch überzeugende Effekte beim Öffnen der sieben Türen, von Christian Schmidt, die modernen Kostüme von Stefanie Seitz, das plastische Licht von Alexander Sivaev und die passenden Videos von Roland Horvath uneingeschränkt und wesentlich besser als im Zemlinsky-Stück zur Geltung.
Was den Besuch dieser Neuproduktion jedoch über den Maßen lohnt, ist die musikalische Seite. Am Pult des in allen Gruppen bestens disponierten Orchesters der Wiener Staatsoper in Riesenbesetzung setzt Alain Altinoglu die Musik beider Werke auch in der zweiten Aufführung der aktuellen Premierenserie am 6. Oktober 2026 mit expressiver Leidenschaft um. Sowohl Zemlinskys schwül üppige Klangmischung aus Mahler, Strauss und Korngold, angereichert mit starken eigengestalterischen Mitteln, als auch die extrem orchestrale Partitur Bartòks gestaltet er einfach meisterhaft, mit großem, volltönendem Orchesterklang, wobei in erster Linie die ungeheure, bedrohlich abgründige Stimmung und Spannung von Bartoks Musik selten in derartiger Intensität zu erleben ist.
Und auch die Ausführenden auf der Bühne lassen wenig Wünsche übrig. Bedauerlicherweise schwächelnd der enge, dünne Tenor von Dmitry Golovnin als Guido Bardi, hervorragend klingt der ungemein wortdeutliche und textgewandte Bariton von Christopher Maltman als Simone, dessen Stimme eine körnig schmelzreiche Textur auszeichnet. Als stimmlich sehr markanter, ausgewiesen präsenter, bisweilen auftrumpfender Blaubart, auch was die Darstellung anbelangt, ist Bariton Florian Boesch zu hören. In den beiden Frauenrollen – Bianca (Sopran) und Judith (Mezzosopran) – aufgeboten ist Publikumsliebling und Superstar Asmik Grigorian, die sich aber ganz in den Dienst eines perfekten Ensembles stellt, sich nicht in den Vordergrund drängt, sondern mit in allen Lagen sicher geführtem Sopran glänzt. Beeindruckend, was sie gestalterisch wieder aus den beiden Rollen macht, Frau Grigorian ist wieder einmal als eine echte Singdarstellerin ersten Ranges zu erleben.
Wie gewohnt an der Wiener Staatsoper, lautstarke Zustimmung für alle Ausführenden am Ende.