Ein regelmäßiger Gast im Zyklus Klavier im Großen Saal im Wiener Konzerthaus ist der aus Leningrad stammende Grigory Lipmanowitsch Sokolov, einer der bedeutendsten, absolut besten Pianisten unserer Tage. Was sein Klavierspiel betrifft, steht der in bester russischer Klavierschule am Leningrader Konservatorium ausgebildete Ausnahmepianist über den Dingen. Seine Technik, die er aber nie zum Selbstzweck einsetzt, ist makellos wie brilliant virtuos, sein Klavierklang vollgriffig, aber nie aufgebauscht. Was die Interpretation anbelangt, hat er einen Grad außergewöhnlicher, höchster Musikalität erreicht, die ihn zu den letzten Fragen der Kompositionen vordringen haben lassen. Seine Programme sind immer speziell, reichen von Kompositionen früher Werke für Tasteninstrumente über die Klassik und Romantik bis ins 20. Jahrhundert.
Am Abend des 12. Mai 2026 ist das Programm durchwegs klassisch. Wie gewohnt, schreitet er forschen Schrittes aufs Podium im beinahe zur Gänze abgedunkelten Saal, um unverzüglich mit dem ersten Werk des Abends, der 1796/97 entstandenen Sonate Nr. 4 Es-Dur op. 7 von Ludwig van Beethoven zu beginnen – ein viersätziges Werk, dessen stärkster Satz, ein in melodisch weitem Bogen gehaltenes Largo con gran espressione, auch in der Interpretation Sokolovs nachhaltigen Eindruck hinterlässt. Ohne Unterbrechung, wie man es von ihm mittlerweile auch gewohnt ist, setzt der Pianist, der ausschließlich auf Steinway-Flügeln, Modell D 274, konzertiert, mit Beethovens späten, 1824 entstandenen Bagatellen op. 126 fort – Miniaturen reifster Meisterschaft, wo die einzigartige Kunst Sokolovs deutlich wird.
Der zweite Teil des Abends gehört Franz Schubert und seiner letzten Sonate Nr. 21 B-Dur D 960, entstanden im Todesjahr 1828. Der Kosmos von Schuberts großer Klaviermusik entzieht sich allen Kategorien, vor allem dann, wenn so gestaltet und interpretiert, wie von Sokolov. Die Triller zu Beginn nach dem Hauptthema des ersten Satzes klingen an diesem Abend so mächtig, so bedrohlich abgründig, dass sich bei aufmerksamem Zuhören ein gewisses Unbehagen einstellt, das den ganzen Verlauf der Sonate nicht mehr weichen will. Werkimmanent große Spannungsbögen aufbauend und voll berstender Innenspannung zu halten, sodass die „himmlischen Längen“ Schuberts, wie sie Robert Schumann charakterisiert hat, ihre ganze Bedeutung gewinnen können, ist zudem eine Spezialität Sokolovs. Dunkel timbriert, kraftvoll, aber auch heftig akzentuiert ist sein Klavierspiel, was Sprödigkeit und Sperrigkeit betrifft, ein wenig an Svjatoslav Richter erinnernd, aber immer ohne dessen eherne Kälte. Verzärtelnde Passagen wird man bei Sokolov vergeblich erwarten, die den ersten Satz innewohnende Dramatik wird von ihm noch um einiges mehr geschärft, dennoch bewahrt er, bei aller latenter Bedrohlichkeit, ein ungemein kantables, lyrisches Fließen. Sokolov gönnt sich und dem Publikum sogar die Wiederholung der Exposition, um in der Durchführung einen pianistischen Höhepunkt sondergleichen zu erreichen, weil er mit gewaltigen Akkorden die kummervolle Zerrissenheit der Komposition nahezu herausmeißelt. Zeitlos, elegisch spinnt er den langsamen zweiten Satz; fein gewoben, leicht, dennoch betont, huscht das Scherzo vorbei; die nur scheinbare Heiterkeit des Finales ist von schmerzlich übergroßer Melancholie durchtränkt, in der Durchführung lässt er den Steinway machtvoll aufrauschen. Schuberts endloser, unerhört leidvoller Schmerz bleibt dem Publikum an diesem Abend in dieser denkwürdigen, bewegenden Interpretation nicht erspart: mit höchster Intensität spielt Sokolov eine Musik voller Verzweiflung und Wehmut. Trost bleibt dabei zur Gänze ausgespart, wenn er tief empfundene Klänge ohne jegliches Pathos aus dem Steinway meißelt.
Und wer Sokolov kennt, ahnt, dass das nicht der Schluss war, bildet doch fin der Regel erst ein ganzer Zugabenblock das Ende seiner Rezitale. So auch an diesem Abend, wo er das Publikum wiederum mit sechs Zugaben beschenkt, welche die ganze Bandbreite seiner beeindruckenden Pianistik offenbaren – von Johannes Brahms die Balladen op. 10/1 und 3, sowie die Rhapsodie op. 79/2, von Frederic Chopin die Mazurkas op. 30/3 und 4, und, ganz am Ende, von Alexander Skrjabin das Prelude op. 11/4. Stehende Ovationen im Großen Saal des Wiener Konzerthauses.