Konzertantes Musiktheater in Stimmenpracht: ARIODANTE im Theater an der Wien

Andrea Marcon inmitten der SängerInnen und La Cetra nach ARIODANTE im MusikTheater an der Wien © Thomas Rauchenwald

ARIODANTE, mit der Musik von Georg Friedrich Händel, sein erstes Werk für das Londoner Opernhaus Covent Garden, uraufgeführt ebendort 1735, mit dem Libretto nach Ginevra, Principessa di Scozia, von Antonio Salvi, wobei die Handlung dem damals überaus populären Epos Orlando furioso von Ludovico Ariosto entstammt, ist ein Meisterwerk mit hochemotionalen Liebes- und Wahnsinns-Arien. Das Stück entführt das Publikum nach Schottland, wo der junge Adlige Ariodante gegen ein Intrigengeflecht um die junge Prinzessin Ginevra kämpfen muss. In der Reihe KONZERTANTES MUSIKTHEATER präsentiert das Theater an der Wien dieses Opernwerk des Barocks am 20. Mai 2025 in hochkarätiger Besetzung.

Auf der Bühne im Theater an der Wien hat das La Cetra Barockorchester Basel Platz genommen, Andrea Marcon leitet die Aufführung vom Cembalo aus. Von ein paar Unsicherheiten der Hörner abgesehen, begeistert die Formation mit edlem, warmem Klang und vorbildlicher Transparenz. Immer die SängerInnen unterstützend, überzeugt Marcon mit zügigen, schnellen Tempi, musiziert mit betont überbordender Dramatik, ausgenommen die beiden großen Lamenti von Ariodante und Ginevra im zweiten Akt, denen er aber durch explizite Getragenheit noch mehr an Tiefe verleiht.

Inspiriert musizierend, entfacht Marcon ein Feuerwerk hervorragender Stimmen. In den kleinen Rollen überzeugen, ja gefallen gut Josè Antonio Lòpez (König von Schottland) und Emilio Gonzales Toro (Liurcanio, Odoardo), sehr gut Shira Patchornik (Dalinda). Mit Christophe Dumaux ist ein Countertenor aufgeboten, der die so verführerische und reißerische Rolle des Bösewichts Pollinesso exemplarisch zu singen vermag: unglaublich stimmschön und emotional intensiv, mit feurig perlenden Koloraturen. Erika Baikoff singt Ginevra mit stimmtechnischer Souveränität und Musikalität, begeistert mit leuchtender Sopranstimme, wie auch mit Intensität und Ausdrucksstärke in der Rollengestaltung. War ursprünglich Magdalena Kozena für die Titelpartie vorgesehen, ist wegen deren kurzfristigen Erkrankung spontan die aus dem französischen Montpellier stammende Mezzosopranistin Adèle Charvet eingesprungen. Und die sympathische Sängerin erweist sich als ausgesprochener Glücksfall. Zu erleben ist eine große, wohlklingende, ebenmäßig geführte, farbenreiche Stimme, Phrasierung und Wortbehandlung sind ganz auf musikalische Dramatik ausgerichtet, virtuos beeindruckende Koloraturen inklusive.

Zu den Höhepunkten der Aufführung geraten die bereits oben erwähnten Klagegesänge – Ariodantes tieftrauriges „Scherza infida“, Ginevras resignatives „Il mio crudel martoro“, Polinessos Bravourarie „Dover, giustizia, amor“, und Ariodantes Freudentaumel „Dopo notte atra e funesta“.

Abschließender Jubel im MusikTheater an der Wien. Manchmal erscheint es besser, Oper rein akustisch, ohne deutende Inszenierungen, zu erleben.

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Portait Thomas Rauchenwald
Thomas Rauchenwald
Autor des Blogs „Simply Classic“

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