Im nächsten Jahr, 2027, wird Franz Welser-Möst nach 25 (!) Jahren als Musikdirektor die Leitung des amerikanischen Cleveland Orchestra abgeben. Im Rahmen der letzten Europatournee mit diesem absoluten Spitzenorchester dirigiert er auch zwei Konzerte bei der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien, die dem Dirigenten, ihrem Ehrenmitglied, in der laufenden Saison einen eigenen Konzertzyklus widmet. Davor, am 11. Oktober 2026, wurde der Topdirigent nach einem Konzert mit dem genannten Klangkörper im Brucknerhaus Linz, mit dem er in Bezug auf seine eigene musikalische Geschichte eng verbunden ist, verdientermaßen mit dem Großen Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich ausgezeichnet.
Die Reihe von Residenzen von Cleveland im Wiener Musikverein, die ersten ihrer Art für ein amerikanisches Orchester, bedeuteten markante Meilensteine während Welser-Mösts Amtszeit bei diesem Orchester. Das Cleveland Orchestra gilt als das „europäischste“ der amerikanischen Spitzenorchester und ist von einer ganz spezifischen Klangkultur geprägt, von betonter Transparenz, bisweilen kammermusikalisch fein. Vor allem die Zusammenarbeit mit dem österreichischen Musikdirektor war durch außergewöhnliche künstlerische Ansprüche geprägt, was in beiden Konzerten im Großen Musikvereinssaal eindrucksvoll zu erleben war.
Ungetrübte Freude, Licht, Helligkeit herrscht im Hauptwerk des ersten Abends am 15. Oktober 2026 nach der Pause bei der Symphonie Nr. 2 D-Dur op. 73 von Johannes Brahms, komponiert größtenteils 1877 während eines Sommeraufenthaltes des Komponisten in Pörtschach am Wörthersee. Frisch, malerisch wie diese Gegend ist auch dieses Werk: Welser-Möst setzt es unglaublich zügig um, vergisst aber auch nicht dessen ernsten, melancholischen Seiten. Man kann diese Symphonie auch überwiegend herbstlich gefärbt interpretieren – gehört vergangenen Sonntag am selben Ort. Bei Welser-Möst scheint unentwegt die Sonne, duften Frühling und Frühsommer, sodass das herrliche Werk auf andere, ebenso restlos überzeugende Art seinen ganzen Zauber entfalten kann. Orchesterkultur und Orchesterspiel sind erlesen, wunderbar die fein gezogenen Celli im Gesang des zweiten Satzes, hervorzuheben auch das phänomenale Solohorn. Ungemein fein, höchst subtil modelliert der Dirigent am Pult das Werk, setzt auf helle Luzidität und tief empfundene Gesanglichkeit, erfasst interpretatorisch vollkommen auch den ganzen Reichtum und die ungeheure Tiefe diese schönen Komposition. Im Finale dann ein nahezu entfesselter Welser-Möst, der das Orchester – man gestatte mir diesen Vergleich – Edelrössern gleich von den Zügeln lässt, dennoch in jedem Takt Herr des Geschehens bleibt. Jubel im Musikverein nach einer einfach nur beglückenden Wiedergabe dieser Symphonie, die nicht zu Unrecht den Beinamen Brahms‘ „Pastorale“ verdient.
Vor der Pause brilliert das Orchester mit einem ruhig und sanft beginnenden, zwischendurch gesteigerten, zum Schluss verebbenden Werk von Franz Liszt, dessen Orpheus. Symphonische Dichtung Nr. 4. Hervorragend stechen in diesem selten gespielten Stück die Soli von Oboe, Violine und Englischhorn heraus. Und die Symphonie Nr. 2 aus der Feder von Bohuslav Martinu, komponiert in der amerikanischen Emigration, gewidmet seinen tschechischen Landsleuten – eine äußerst unproblematische, gefällige, vorwärtsdrängende Komposition – ist bei diesem, in allen Instrumentengruppen einfach blendend aufgestellten Orchester, ebenfalls bestens aufgehoben, vor allem dann, wenn Welser-Möst die Eruptionen dieses Werkes so richtig freilegt.
Der zweite Abend am 16. Oktober 2026 beginnt mit Introduktion und Finale aus der Oper „Daphne“ von Richard Strauss. Für sein Orchester hat Franz Welser-Möst, der über eine besondere Affinität zu den „Griechen-Opern“ Strauss‘ verfügt, eine konzertante Fassung einzelner Szenen dieser „bukolischen Tragödie“ zusammengestellt. Auch eine besonders feine, klangsinnliche Wiedergabe wie in diesem Konzert vermag aber nicht die Singstimmen im lyrisch verschwenderischen Reichtum dieses Werkes zu ersetzen.
Nach der Pause tritt ein vollbesetztes Cleveland Orchestra, allein neun Kontrabässe sind aufgeboten, zur Aufführung der Symphonie Nr. 8 c-moll op. 6 von Dmitrij Schostakowitsch, entstanden im Sommer 1943, im November desselben Jahres von Jewgenij Mrawinskij, dem sie auch gewidmet ist, uraufgeführt, an. Nicht Heroismus prägt dieses Werk, das gemeinsam mit der 7. und 9. Symphonien zu den drei „Kriegssymphonien“ von Schostakowitsch zählt, sondern Erschütterung über das Unfassbare des Zeitgeschehens, somit ein zeitlos aktuelles Werk.
Die Interpretation von Welser-Möst auch dieses massiv tragischen Werkes ist von lyrischem Fließen, strukturierter Durchsichtigkeit und einer feinen Ästhetik geprägt, Dirigent und Orchester betonen mit äußerst klanglicher Sensitivität die Durchhörbarkeit der Klangarchitektur dieser Musik mit ihren vielschichtigen Verflechtungen. Was Welser-Möst auf unglaubliche Art und Weise gelingt, ist der Aufbau einer latent bedrohlichen, unangenehmen, ja unerträglichen Extremspannung, die er über die gesamte Spieldauer von etwas mehr als einer Stunde nahezu unerbittlich hält. Das Orchester folgt ihm, auf Stuhlkanten sitzend musizierend, wie am ersten Abend in allen Instrumentengruppen blendend disponiert, mit brillanten Soli, hingebungsvoll, mit äußerster Konzentration musizierend. Die Aufführung lässt eine abgründige Atmosphäre von Grauen und Tod entstehen, in der Coda des Schlusssatzes wird die Atmosphäre im Musikverein so richtig klirrend kalt.
Beeindruckend, wie die Eigentümlichkeiten der Musik Schostakowitschs – dieses großartige, erschütternde Werk ist ein Kosmos voller Ironie, Sarkasmus, Grimm, Depression, Melancholie, Schmerz, Leid und Scheineuphorie – herausgearbeitet werden. Vor allem aber lässt dieser Dirigent die Musik sprechen und neigt nicht zu deren Überzeichnung oder gar Radikalisierung. Mit eindringlicher, dabei klarer Kraft wird das symphonische Geschehen gestaltet. Gewiss lassen russische Orchester dieser Musik mehr Pathos, Dramatik und Schwere zukommen – bewegender, ergreifender als unter Welser-Möst kann sich das Werk deshalb aber nicht entfalten. Standing ovations vom Publikum nach dieser formidablen Wiedergabe.
Franz Welser-Möst und Cleveland schließen ihre Konzerte im Musikverein jeweils mit einer Zugabe – den ersten Abend mit der Zwischenaktmusik aus der Operette „Eine Nacht in Venedig“ von Johann Strauß Sohn, den zweiten Abend mit „Träumerei“ von Robert Schumann, arrangiert für Orchester, von Josef Strauß.