Erlesene Orchesterkultur im zweiten philharmonischen Abonnement 2026/27

Riccardo Muti nimmt den Jubel des Publikums nach dem zweiten Abonnementkonzert der Wiener Philharmoniker im Großen Musikvereinssaal entgegen © Thomas Rauchenwald

Maestro Riccardo Muti dirigiert das Orchester seit 1971, Dame Mitsuko Uchida tritt mit dem Orchester seit 1994 auf, dazu Werke von Beethoven und Brahms – Bewährtes also im zweiten Abonnementkonzert der Wiener Philharmoniker in der Matinee am 11. Oktober 2026 im Großen Musikvereinssaal in Wien. Glaubt man aber, dieses Konzert erstarrt in Routine, wird man schon nach den ersten Takten Musik eines Besseren belehrt und kommt während der ganzen Dauer des Konzertes aus dem Staunen über diese ungemeine Fülle des Wohlklanges nicht hinaus.

Im ersten Teil des Konzertes zu erleben das zwischen 1804 und 1806 entstandene Konzert für Klavier und Orchester Nr. 4 G-Dur op. 58 von Ludwig van Beethoven. Selten hört man dieses Werk, das ansonsten betont lyrisch wiedergegeben wird, in einer derartigen Dramatik und Spannung einerseits und als prachtvoll kantablen, innigen Gesang andererseits wie an diesem Vormittag. Natürlich fließt und perlt es auch, wenn Mitsuko Uchida Beethoven interpretiert, ihr Musizieren ist aber derart erfüllt, dass man einfach nur ergriffen ist. Permanent stehen Solistin und Dirigent in Augenkontakt, Muti begleitet mit den Philharmonikern hinreißend, setzt immer wieder Akzente, die von der Solistin freudig aufgegriffen werden. Das ist Konzertieren im wahrsten Sinne des Wortes, einfach in Vollendung. Besonders staunenswert geraten vor allem die Vielschichtigkeit der voll ausgereiften Interpretation von Frau Uchida sowie die einfach nur fantastische Abstimmung zwischen Solistin und Orchester unter der Leitung eines absoluten Meisterdirigenten. Standing Ovations, wofür sich Frau Uchida mit einer kurzen, eher sperrigen Zugabe bedankt: „Jàtèk a vègtelennel“ („Spiel mit dem Unendlichen“) aus „Jàtètok“ („Spiele“), Band III, von György Kurtàg.

Nach der Pause, im zweiten Teil des Konzertes, dann zu genießen die Symphonie Nr. 2 D-Dur op. 73 von Johannes Brahms, größtenteils 1877 am Wörthersee komponiert, „wo die Melodien fliegen, daß man sich hüten muß, keine zu treten“, wie Brahms an seinen Verleger Fritz Simrock schrieb. Riccardo Muti entlockt hier den Wiener Philharmoniker einen Orchesterklang, der als purer Luxus bezeichnet werden muss, das Werk leuchtet in den herrlichsten Orchesterfarben, die man sich nur denken kann, man ist geneigt, zu sagen, dass Werk in seinem frühlingshaft pastoralen Charakter erblüht nahezu in herbstlichen Tempi, weil Muti auch etwas an Melancholie und Wehmut in seiner Interpretation durchschimmern lässt. Viel Zeit nimmt er sich für dieses herrliche Werk, schreckt auch vor Wiederholungen nicht zurück, beglückend in jeder Nuance ist das Spiel der in allen Instrumentengruppen einfach nur blendend disponierten Wiener Philharmoniker. Max Kalbeck, Brahms‘ Freund und erster Biograph, nannte den ersten Satz „junger Morgen nach einer Gewitternacht“, woran auch die vollkommene Schönheit des Musizierens Mutis dieses Satzes an diesem Vormittag gemahnt. Berauschend der warme, runde Hörnerklang, beinahe schon magisch der samtig gestrichene Gesang der Celli zu Beginn des zweiten Satzes, beton tänzerisch interpretiert der dritte Satz. Und das dann völligen Optimismus versprühende Finale gleicht einer kontrollierten Explosion. Jubel für Riccardo Muti zum Schluss, den er, wie gewohnt, nur kurz zulässt.

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Portait Thomas Rauchenwald
Thomas Rauchenwald
Autor des Blogs „Simply Classic“

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