Die Derniére von TURANDOT an der Wiener Staatsoper

Turandot Derniére
Asmik Grigorian und das Ensemble beim Schlussapplaus © Thomas Rauchenwald

Anhand der letzten Aufführung der aktuellen Serie von Giacomo Puccinis Schwanengesang „Turandot“ am 22. Dezember 2023 lässt sich hervorragend nachvollziehen, wie eine Neuproduktion glücklicherweise in insgesamt sechs Aufführungen seit der Premiere am 7. Dezember 2023 musikalisch dazugewinnen kann.

E poi Tristan!“ hatte Puccini in den Skizzen zum leider unvollendet gebliebenen Finale seiner letzten Oper vermerkt – dem Komponisten war wohl ein großer Zwiegesang der beiden Protagonisten Turandot und Kalaf ähnlich Isolde und Tristan in Richard Wagners Handlung vorgeschwebt. Die nunmehr in der aktuellen Serie in Wien gegebene, lange Originalversion des von Franco Alfano nach Skizzen Puccinis gestalteten Schlusses der Oper wird dieses Vorhaben mehr gerecht als etwaige Kürzungen des Alfano-Teils – vor allem dann, wenn beide Protagonisten in stimmlicher Höchstform agieren wie an diesem Abend.

Gewiss, Asmik Grigorian – auch die Gestaltung der eisumgürteten Prinzessin gelingt in der ihr eigenen, gewohnt überragenden gesangsdarstellerischen Manier – ist keine hochdramatische Sopranistin und wird es auch nie werden, gleißender Stahl und fülliger Strahl muss sie ihrem schönen Sopran künstlich hinzufügen. In der letzten Aufführung der Serie muss sie sich aber nicht mehr schonen und schont sich auch keineswegs, ringt ihrem Sopran alles und sogar noch ein wenig mehr ab – und kann nur so gegenüber dem in gegen Schluss hin zur Höchstform auflaufenden Tenor von Jonas Kaufmann bestehen. Der gibt im ersten Akt einen schmeichlerisch phrasierenden Kalaf mit tiefsitzender Stimme, überzeugt mit einer starken Rätselszene im zweiten Akt, wo die Stimme plötzlich Fülle und gesundes Metall bekommt, um dann seinen an diesem Abend im dritten Akt perfekt fokussierten Tenor förmlich zum Glühen zu bringen. Was für ein Finale der beiden Protagonisten ist da an diesem Abend zu hören!

Die Liu der Kristina Mkhitaryan kommt in der Derniére noch stärker, noch bewegender über die Bühne; stimmlich flüssig behänd wiederum das Ministertrio (Martin Hässler, Norbert Ernst, Hiroshi Amako), rollendeckend agieren Dan Paul Dumitrescu (Timur) und Jörg Schneider (Altoum). Das Orchester der Wiener Staatsoper ist gewohnt hervorragend disponiert und gelingt Marco Armiliato eine flüssige, geschmeidige Umsetzung von Puccinis später, kostbarer Partitur mit organischen Tempi in durch und durch italienischer Gangart. Auffallend auch, wie Armiliato die Sängerinnen und Sänger auf der Bühne unterstützt, diese förmlich auf Händen zu tragen scheint.

Nachvollziehbar großer Publikumsjubel also zwei Tage vor Weihnachten an der Wiener Staatsoper.

Portait Thomas Rauchenwald
Thomas Rauchenwald
Autor des Blogs „Simply Classic“

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