Der Teufel ist allgegenwärtig: Webers DER FREISCHÜTZ in Linz

Musiktheater Linz Der Freischütz Markus Poschner Hermann Schneider
Markus Poschner und das Ensemble beim Schlussapplaus © Thomas Rauchenwald

Als erste Neuproduktion der laufenden Saison zeigt das Musiktheater Linz Carl Maria von Webers romantische Oper in drei Aufzügen, „Der Freischütz“, mit dem Text von Johann Friedrich Kind nach der Novelle Der Freischütz – Eine Volkssage von Johann August Apel aus dem von Apel und Friedrich Laun herausgegebenen Gespensterbuch. Der Intendant am Landestheater Linz und Regisseur Hermann Schneider hat eine eigene, erweiterte Dialogfassung nach Kinds Libretto und Apels Novelle erarbeitet und dabei Texte von Johann Wolfgang von Goethe und Charles Baudelaire hinzugefügt. In Absprache mit der musikalischen Leitung setzt man auch auf nicht von Weber stammende Einlagen von Krzysztof Penderecki (Polymorphia) und Martin Luther (Ein feste Burg ist unser Gott) mit dem Satz von Johann Sebastian Bach, BWV 303. Der Abend wird dadurch auf eine Spieldauer von über drei Stunden inklusive einer Pause nach dem zweiten Akt ausgedehnt.

In der stark filmisch anmutenden, cinemascopeartigen Inszenierung hat Falko Herold neben der Ausstattung auch Videos, zu Text und Musik passend, mehr oder weniger ästhetisch, kreiert. Für die spannende, interessante Dramaturgie ist Christoph Blitt verantwortlich, wobei die Figur Samiels, der „Schwarze Jäger“, überzeugend dargestellt und gespielt von Sven Mattke, eine dominierende Rolle einnimmt, ist dieser doch während der ganzen Handlung in der Szene präsent. Hatten in der Entstehungszeit des Werkes, der Ära nach Napoleon Bonaparte, das unbeherrschte Unbewusste und der Teufel Hochkonjunktur, also das Böse selbst, treiben auch die heutigen Menschen, die ein Ventil in der Hingabe an (finstere) Mächte suchen, Verunsicherungen und Überforderungen in immer empathieloser wie oberflächlicher werdenden Zeiten zu Taten wie Kriegsverbrechen in drastischer Form, in abgeschwächter Manier zu „Fake News“ oder „Shitstorms“. Die Öffentlichkeit befindet sich also damals wie heute in einem Strukturwandel: Schneider und Blitt aktualisieren das sich ungebrochen großer Beliebtheit erfreuende Stück mit seiner grandiosen Musik und schaffen eine durch und durch gelungene, überzeugende, moderne Regiearbeit, die weder Text noch Musik dekonstruiert, sondern mit einer, wenn auch nicht immer subtilen, doch aber nachvollziehbar psychologisch fundierten Personenregie zu überzeugen vermag. Die Handelnden in diesem „Freischütz“ sind Menschen einer Nachkriegswelt voller Aberglauben, Ängste und Unsicherheiten – die traumverlorene Agathe ebenso wie der ängstliche, von Versagensängsten geplagte Max, selbst das sich lustvoll dem Teufel hingebende, offenbar am Christal-Meth-Trip befindliche Ännchen. Das gekonnt stimmige Lichtdesign von Johann Hofbauer steuert seinen guten Teil zum Gelingen dieser Inszenierung bei, nachhaltig in Erinnerung bleiben wird die echt schaurig inszenierte Szene in der Wolfsschlucht.

Und dieser „Freischütz“ kann sich in der besuchten Aufführung am 1. Dezember 2023 nicht nur sehen, sondern auch hören lassen. Elena Pierini hat Chor und Extrachor des Landestheaters Linz sehr gut auf seine nicht unerhebliche Aufgabe vorbereitet, ausgewogen differenzierter Chorgesang ist das Ergebnis. Gut bis rollendeckend aus dem Ensemble besetzt sind Adam Kim (Ottokar), Dominik Nekel (Eremit), Markus Raab (Cuno) und Alexander York (Kilian). Stimmlich starke Akzente setzt Fenja Lukas als in jeder Hinsicht (liebes)tolles Ännchen, Timothy Richards als Max verfügt über einen lyrisch geschmeidigen Tenor, dem nur die heldischen Töne fehlen. Für den erkrankten Michael Wagner ist dankenswerterweise Marcell Bakonyi spontan eingesprungen und überzeugt als Kaspar mit prägnant kernigem Bariton. Die mit Abstand beste Gesangsleistung des Abends ist von Erica Eloff als in jeder Hinsicht prächtige Agathe zu vernehmen, ihr fein geführter Sopran verfügt über lyrisches Schweben ebenso wie jugendliches Leuchten. Bestens aufgestellt an diesem Abend präsentiert sich wieder das Bruckner Orchester Linz unter seinem Chefdirigenten Markus Poschner, dem bereits eine über den Maßen hervorragend musizierte Ouvertüre gelingt, wobei er ein Kabinettstück großen dirigentischen Könnens abliefert. Wunderbar gelingen dann subtile Farb- und Klangvaleurs in Agathes Kavatine wie Arie und auch die erforderliche, intensive Dramatik kommt, wo es die Partitur vorgibt, nie zu kurz.

Die Reise nach Linz hat auch dieses Mal wieder sehr gelohnt.

Portait Thomas Rauchenwald
Thomas Rauchenwald
Autor des Blogs „Simply Classic“

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