Brandende Meereswogen im Theater an der Wien

Ambur Braid als beeindruckende Senta in DER FLIEGENDE HOLLÄNDER im MusikTheater an der Wien, im Hintergrund rechts Jordan Shanahan in der Titelrolle © Matthias Baus

Als Koproduktion mit der Berliner Staatsoper Unter den Linden, wo die Premiere 2013 stattgefunden hatte, spielt das Theater an der Wien als zweite szenische Produktion in der laufenden die 1843 in Dresden uraufgeführte, romantische Oper in drei Aufzügen „Der fliegende Holländer“ von Richard Wagner in einer ursprünglich für das Theater Basel, Premiere im Jänner 2009, entwickelten Produktion.

Was zunächst die musikalische Umsetzung dieses Stückes – dieses Werk Wagners stellt ein Werk des Überganges dar, „Nicht mehr und noch nicht im Fliegenden Holländer“ hat es Hans Mayer in einem Essay bezeichnet – betrifft, gehen die Orchesterwogen auch am 20. Oktober 2026, dem zweiten Abend der aktuellen Premierenserie, meterhoch. Robert Jindra, seit 2022 Musikdirektor am Nationaltheater Prag, steht am Pult der Wiener Symphoniker und setzt zur Gänze auf die unwiderstehliche Sogkraft dieser mitreißenden Musik. Das mächtig aufrauschende, höchst motiviert musizierende Orchester lässt er so richtig in den Zuschauerraum brausen, sodass die 140 Minuten Spieldauer unter Höchstspannung gebannt ablaufen, mitunter aber doch ein wenig auf Kosten der orchestralen Präzision. Auch was differenzierte Dynamik betrifft, wäre weniger an Phonation aus dem tief gefahrenen Graben des Öfteren mehr gewesen. Sei’s d’rum: so kann, so darf ein „Holländer“ klingen.

Auch dem von Juan Sebastian Acosta einstudierten Arnold Schoenberg Chor gelingt eine prächtige Leistung an diesem Abend, stellt doch Wagner-Chorgesang nicht das ureigene Metier dieser Formation dar. Dennoch ist ein Höchstmaß an differenziertem Chorgesang, wie gewohnt, zu vernehmen, die Palette reicht von ganz leise, fein, bis mächtig schallend. Die Antwort auf die letzten Worte des Holländer-Monologes – „Ewige Vernichtung nimm‘ uns auf!“ gemahnt sogar an einen schmerzgeplagten Choral.

Jordan Shanahan ist in der Titelrolle aufgeboten und ist ein dämonischer, stimmlich zwischendurch richtig heldenbaritonal auftrumpfender Holländer, äußerlicher wie innerlicher Schmerzensmann. Seine Rollengestaltung gefällt, überzeugt. Und obwohl von der Regie meistens auf der Hinterbühne positioniert, kommt er mit phasenweise imposanter, stimmlicher Schallkraft in den Zuschauerraum.  Die übrige Besetzung ist mehr als solide: Wilhelm Schwinghammer als kantabler Daland, Cameron Becker als rollendeckender Erik, James Ley gefällt als Steuermann, Ieva Prudnikovaite steuert eine mezzosatte Mary bei. Die Krone des Abends gebührt jedoch uneingeschränkt Ambur Braid als Senta, die die Vorstellung mit groß ausuferndem, aber hervorragend fokussiertem Sopran dominiert. Diese schnörkellose Senta begeistert, beeindruckt – zunächst durch die Verve, mit der sie sich förmlich in diese Rolle stürzt. Zu bewundern ist ihre reife Interpretation, bei noch jugendlichem Stimmklang, es gelingen ihr wunderbar leuchtende Töne, das Vibrato ist subtil differenziert eingesetzt, die Intonation hervorragend. Die in Toronto und San Francisco ausgebildete Sängerin hat schon in Rollen wie „Salome“ und der Färberin in „Die Frau ohne Schatten“ brilliert. Entwickelt sich da noch eine Hochdramatische?

Philipp Stölzl zeichnet für Inszenierung und Licht verantwortlich, und hat, gemeinsam mit Conrad Moritz Reinhardt, das Bühnenbild entworfen, die Kostüme stammen von Ursula Kudrna. Die aktuelle szenische Neueinstudierung für das MusikTheater an der Wien hat Philipp M. Krenn besorgt. Das Werk wird glücklicherweise – damit wird das balladenhafte des Stückes unterstrichen – pausenlos gegeben, wie in der Urfassung, allerdings mit Erlösungsschluss der Ouvertüre und am Ende.

Seit der bahnbrechenden Inszenierung des Werkes von Harry Kupfer aus 1978 für die Bayreuther Festspiele wird Wagners Mythos über den Ahasver des Meeres gerne aus der Perspektive Sentas erzählt. So auch Stölzl/Krenn. Das Stück ist zur Zeit seiner Entstehung in einer bürgerlichen Bibliothek angesiedelt. Ein riesiges Bild mit von Meereswogen umbrandeten Felsen im Hintergrund öffnet sich und entpuppt sich als Bühne auf der Bühne, woraus der Holländer und seine Mannschaft, durch und durch gespenstische Gestalten, immer wieder in den eigentlichen Bühnenraum treten: derart verschmelzen, verschwimmen die Räume zu Seelenräumen, die junge, doppelte Senta liest in der Bibliothek die Geschichte vom fliegenden Holländer, schläft dabei ein und erträumt sich ihre eigene Welt. Beide, Senta und der Holländer sind Verwandte in der Seele, wollen ihrer jeweiligen Welt entfliehen: Sie aus der bürgerlichen Enge, er, verdammt zu ewigem Leben, in den erlösenden Tod. Senta erschafft sich ihre eigene, fantasiebedingte Welt. Stölzl zeichnet das Psychogramm einer kranken, jungen Frau. Seine bewegungsreiche, betont filmische Regiearbeit mit bisweilen abgründiger Personenregie wie zwingender Personenführung gerät eindrucksvoll spannend und stellt eine hochintelligente Inszenierung dar. In der Enge des bürgerlichen Kerkers, ihr Vater verheiratet die junge Frau gegen ihren Willen, erlebt und speichert sie eine unglaubliche Aggression, die sie gegen sich selbst richtet, und ersehnt sich in ihrer Fantasie zu ihrer Befreiung aus bürgerlichem Korsett den selbst erlösungssüchtigen Holländer, mit dessen Hilfe sie sich Vernichtung und damit die Flucht aus ihrer beklemmenden Enge erhofft. Dieser Holländer ist ein von Wunden übersäter, großer Leidender, mit Hakenhand, ihr Bruder im Geiste. Das Ende gerät fatal: Stölzl inszeniert das auch so, es gelingen ihm eindringliche, ja verstörende Bilder. Glücklicherweise verzichtet diese düstere, doch überzeugend schlüssige Regie ganz auf Videos, Choreographien oder andere entbehrliche Mätzchen, sondern ist allein aus Musik und Text Wagners entwickelt. Was für einen Kontrast stellt doch Sentas Selbstmord zu Wagners Erlösungsschluss der Musik dar! Alle Mitwirkenden überzeugen auch schauspielerisch in diesem großen Opern-Kino. Mit den SängerInnen wurde offensichtlich betont an der Darstellung gearbeitet.

Heftige Akklamationen vom Publikum nach diesem tobend tosenden Meeressturm im kleinen, feinen Theater an der Wien.

Themenschwerpunkte
Portait Thomas Rauchenwald
Thomas Rauchenwald
Autor des Blogs „Simply Classic“

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