Alexander Soddy dirigiert ELEKTRA mit Drive und Sog an der Wiener Staatsoper

Wiener Staatsoper Elektra Harry Kupfer
Ausryne Stundyte als Elektra in der Inszenierung von Harry Kupfer © Wiener Staatsoper, Michael Pöhn

Etwas mehr an dirigentischer Differenzierungskunst wird sich der junge Mann noch erarbeiten, so sicher und beeindruckend spielt man das Stück aber wohl nur an der Wiener Staatsoper, vor allem dann, wenn das mit vielen Wiener Philharmonikern bestückte Orchester der Wiener Staatsoper, bestens disponiert, groß aufzuspielen bereit ist, und braucht eine gelungene „Elektra“ nun einmal ein gewisses Maß an Lautstärke. Gewaltige Eruptionen sind da aus dem Graben zu vernehmen, sodass man eigentlich um die Gesangskünstler auf der Bühne bangen müsste. Der junge, derzeit im Haus am Ring vielbeschäftigte Brite Alexander Soddy achtet aber auch stets auf die SängerInnen auf der Bühne, bettet deren Stimmen gekonnt in die Orchesterwogen ein. Und das Orchester gibt enorm viel an diesem 14. Dezember 2023 – seinen sinnlich schimmernden Streicherglanz, nahezu brutale Entladungen bei voller Transparenz eines starken, großen Klanges, geschnitten sauber, rundes Blech ebenso wie glänzend feines Holz. Der Dirigent setzt von Anfang an auf Hochspannung, dirigiert mit enormem Drive, entfaltet derart einen Sog, der sich, wie von Strauss beabsichtigt, in einem dithyrambischen Orchesterfuror am Schluss entlädt, herausgemeißelt die Agamemnon-Akkorde zu Beginn und am Ende, innig berührend der Lyrismus der Streicher in der Erkennungsszene. Der Orchesterpart gerät zum stärksten Teil des Abends.

Ausrine Stundyte ist keine Hochdramatische, keine genuine Elektra, sie forciert ungemein, überzeugt dennoch als Atridentochter. Noch – Macht sie so weiter und singt die fordernde Partie zu oft an großen Häusern, ist die herrliche, gewiss in dramatische Lagen gehende, höhensichere Stimme, aber bald kaputt, hoffentlich bewahrt sie sich, bewahrt man sie davor. Camilla Nylund ist eine bereits frauliche, blühende Chrysothemis, Michaela Schuster gibt eine Psychostudie einer Neurotikerin als Klytemnästra mit etwas angerauter Stimme, Günther Groissböck ist als großstimmiger, bassstarker Orest eine Luxusbesetzung und Thomas Ebenstein singt mit kleinem, feinem Tenor den Ägisth.

Wenn sich zum machtvoll aufgetürmten Agamemnon-Akkord im Orchester der Vorhang hebt, dominiert das überdimensionale, ramponierte Standbild des gemeuchelten Agamemnon die Bühne: Die legendäre, packende Inszenierung von Harry Kupfer (Bühne: Hans Schavernoch, Kostüme: Reinhard Heinrich), die am Vorabend des 125. Geburtstages von Richard Strauss am 10. Juni 1989 ihre Premiere feierte, ist seit September 2020 wieder zu sehen. Sein Tod Ende Dezember 2019 Jahres hatte bedauerlicherweise verhindert, dass einer der großen Regiealtmeister seine „Elektra“ an der Wiener Staatsoper noch selbst betreut und vorbereitet. Kupfers langjährige Mitarbeiterin Angela Brandt hat diese ungemein packende Regiearbeit szenisch einstudiert und hat die Inszenierung nichts von ihren beeindruckenden Bildern bei ausgefeilter, präziser Personenführung eingebüßt. Heute wie damals werden die Sänger*innen zu ausgewiesenen schauspielerischen Darstellungen animiert. Kupfer, der große Personenregisseur, hat immer den Menschen in seinen Regiearbeiten gesucht und ins Zentrum gerückt: Elektra, in einem alten, verlotterten Königsmantel ihres Vaters, ist nicht nur ein kreischender Dämon, eine traumatisierte Rachefurie, sondern auch ein zutiefst verletzter, leidender Mensch. Sie hat sich nie von ihrem Vater gelöst – am Schluss verheddert sie sich in den Seilen, die von seiner riesigen Skulptur herunterhängen, stirbt in der tragischen Erkenntnis, dass es nach gestillter Rache durch den Muttermord Orests kein anderes Leben für sie mehr geben kann. Und auch die nach Partner- und Mutterschaft sehnende Chrysothemis gibt sich ihrer Ekstase hin, indem sie sich im blutdurchtränkten Mantel Aegisths zum Orchesterfuror am Schluss am Boden wälzt. Klytemnästra ist gleichsam starke Frau wie leidender Mensch, nicht nur ein abgehalftertes Wrack. Diese psychologischen Fokussierungen machen den kompromisslos intensiven Menschendarsteller Kupfer aus: So kann, soll und muss sich Operntheater ereignen – und es gehört zu den Verdiensten von Direktor Dr. Bogdan Roscic, diese einfach grandiose Inszenierung, die überhaupt nicht „alt“ wirkt, wiederaufgenommen zu haben.

Die banal lächerliche, schauerliche Inszenierung von Uwe Eric Laufenberg mit dem in den Kohlenkeller führenden Paternosteraufzug ist völlig zu Recht im Fundus verschwunden. Harry Kupfers „Elektra“ möge der Wiener Staatsoper noch länger erhalten bleiben.

Auch die vorweihnachtlich bedingte, hektische Zeit haben mich nicht vom Besuch der dritten von insgesamt vier Aufführungen Strauss‘ Einakter „Elektra“ am 17. Dezember 2023 in der Wiener Staatsoper abgehalten. Nun, wenn man wenige zuvor dasselbe Werk in derselben Besetzung überzeugend erleben durfte, ist so ein wiederholter Besuch immer mit einem gewissen Risiko verbunden: Stellt sich die erhoffte Wirkung ein? Wird die Qualität der Aufführung wieder so (gut) wie sie es bereits war? Wie sind die Sänger disponiert? Nun, um es gleich vorwegzunehmen: Alexander Soddy mit dem Orchester der Wiener Staatsoper – an den ersten Pulten komplett anders besetzt als in der Aufführung zuvor – legt noch einen Grad an Dramatik zu. In der Erkennungsszene, wenn der Chor der Streicher das Thema von der Singstimme übernimmt, lässt er mit ungeheurem Druck auf den Bogen spielen, die vor ein paar Tagen bereits bestehende Hochspannung treibt er mit dem Orchester um weitere Nuancen in die Höhe, Zug und Vorwärtsdrängen seines Musizierens kommen noch stärker zur Betonung, ebenso das gewaltige Crescendo, mit dem er das Werk gestaltet und einen Bogen von Beginn bis zum Schluss aufbaut und durchhält. Ausrine Stundyte in der Titelrolle ist stimmlich sicherer als am vergangenen Donnerstag, beeindruckend gerät ihre Darstellung der Atridentochter, vor allem, wie sie sich bewegt, wie ein echtes Königskind, trotz der schon beinahe anarchistisch freischärlerischen Kostümierung im abgewetztem Königsmantel ihres Vaters Agamemnon. Stimmlich muss sie – naturgemäß im ersten Monolog wie in den Ausbrüchen in der Szene mit Klytemnästra – an ihre Grenzen, muss diese gefährlich überschreiten, danach gelingt jedoch eine berührende, durch und durch bewegende Erkennungsszene und ein schön ausgesungener, flutender Schluss, bevor sie leblos in den Seilen hängt, die vom überdimensionalen Standbild Agamemnons baumeln! Das ist genau das Wiener Repertoire, um das wir in der ganzen Welt beneidet werden, wo andere Opernhäuser nicht einmal bei Premieren eine solche Qualität erreichen, vor allem, was das Niveau des Orchesters betrifft.

Und lässt man an diesem Abend den Blick ins Rund der Wiener Staatsoper schreiten, erblickt man erfreulicherweise auch viele junge Leute, von denen die meisten wohl zum ersten Mal überhaupt „Elektra“ sehen bzw. hören. Ihnen wird das große Glück zuteil, Musiktheater zu erleben, wie es sein soll, soll heißen, was dieses Werk betrifft, eine exzellente Orchesterleistung bei einem gestalterischen Dirigat, SängerInnen, die insgesamt in ihren Rollen stimmlich wie darstellerisch weit über den Durchschnitt agieren – und eine Regie, welche die Geschichte der Atridentochter ganz aus der gewaltigen Musik von Richard Strauss und dem literarischen Libretto von Hugo von Hofmannsthal entwickelt und erzählt, mit subtiler Personenregie wie die Beziehungen der Handelnden stets im Fokus behaltenden Personenführung bei Offenlegung ihres Seelenlebens; eine Regie, die schlicht überzeugend auskommt ohne Verballhornung des Stoffes, ohne Rahmen- bzw. Zusatzhandlung, ohne willkürlich eingefügte, handlungsfremde Personen, ohne Bewegungschoreografie und ohne Videos.

Portait Thomas Rauchenwald
Thomas Rauchenwald
Autor des Blogs „Simply Classic“

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