Nach Wolfram von Eschenbach ist der Gral kein Kelch, sondern ein lebensspendender Stein und bekanntlich sind einige Handlungselemente von Richard Wagners „Parsifal“ dem Versroman „Parzival“ dieses mittelhochdeutschen Dichters entlehnt, weshalb das Schlussbild der aktuellen Bayreuther Inszenierung des Werkes ganz nahe an dieser Vorlage ist, wenn Parsifal einen bläulich-schwarzen Stein am Boden zertrümmert. Auch ist die Gralsgesellschaft keineswegs eine rein männliche, frauenfeindliche, gibt es nämlich im Epos Wolframs, woraus Wagner die äußeren Elemente seines Musikdramas entlehnte, sogar eine Gralsträgerin: aus den Tagebüchern Cosima Wagners geht hervor, dass der Meister bei der Bayreuther Uraufführung 1882 ebenfalls eine solche Gestalt auf die Bühne brachte und dies wiederum die Gurnemanz zugedachte Frau, die in der aktuellen Neuinszenierung gegenwärtig ist, erklärt.
Bediente sich Regisseur Jay Scheib, Professor am Massachusetts Institute of Technology, wo er das Institut für Theaterkunst leitet, in den Jahren 2023, 2024 und 2025 zusätzlich Augmented Reality–Brillen, die dem Publikum von bestimmten Plätzen aus ein Mehr an Szene liefern sollten, ist seine Regiearbeit in diesem Jahr bei den Bayreuther Festspielen ausschließlich als ganz normale Inszenierung zu erleben, Scheib hat allerdings die Produktion sichtlich überarbeitet und weiterentwickelt. Die Frage, ob damit nicht zu sehr von der musikalischen wie szenischen Umsetzung des Stückes abgelenkt wird, ob Technik das Erlebnis Oper größer zu machen vermag, stellt sich in diesem Jahr bei PARSIFAL also nicht.
In dieser Inszenierung, die 2026 zum letzten Mal auf dem Grünen Hügel gezeigt wird, bekommt man in erster Linie dominierende, großflächige Videos zu sehen: beispielsweise im ersten Aufzug – ganz nahe am Stück – eine offene Wunde, die behandelt wird, jedoch nicht aufhören will zu bluten, ebenso die Wunde des von Parsifal erlegten Schwans. Im zweiten Aufzug wird die Verführungsszene zwischen Kundry und Parsifal auf Video projiziert, im dritten ein Mädchen mit Blumen für die erblühende Karfreitagsaue. Videodesigner Joshua Higgason gelingen eindrucksvolle Bilder, das Werk und die Handlung unterstreichend. Dasselbe gilt auch für das farbig plastische, bisweilen magische Stimmungen provozierende Licht des leider im Dezember 2024 verstorbenen Rainer Casper. Scheib setzt sich stark mit den inneren Zuständen der Charaktere auseinander – Erlebtes und Geträumtes von Parsifal, Kundry und Gurnemanz. Der Fokus ist dabei auf Kundry gerichtet – vor allem den Versuchen und dem Unvermögen zum Kern von Wagners wohl geheimnisvollster Frauengestalt durchzudringen und diese zu erfassen. Auf höchst einfache Weise erzählt Scheib die Geschichte, verzichtet glücklicherweise zur Gänze auf heute mittlerweile übliche Inszenierungselemente wie Rahmenhandlungen, Metaebenen und Tanzeinlagen. Die Bewegungen entspringen ganz der Musik, stehen ganz im Einklang mit ihr; Personenführung wie Personenregie sind zwingend einfach geraten. Für die Bühne ist Mimi Lien verantwortlich, Meentje Nielsen hat die passenden, bedauerlicherweise ästhetisch fragwürdigen Kostüme entworfen. Im ersten Akt dominiert eine angenehme Abstraktion: Kahl ist diese Gralswelt, mit einem Monolithen als dominierendes Element; in der Gralsburg gibt es noch einen an eine Dornenkrone erinnernden Lichterkranz. Ebenso reduziert ist Klingsors Burg im zweiten Akt, im Zaubergarten blenden knallig bunte, grelle Farben – wie modisch ist das nur; die Blumenmädchen sind veritable 1968er-Girlies. Im dritten Akt eine desolate Landschaft, beherrscht von einer Bergbaumaschine, wie sie zum Erzabbau verwendet wird, mit einem Teich in der Mitte, aus dem sich dann wieder der für die Gralsburg stehende Lichterkranz hebt. Aus diesen Erzen wird beispielsweise Kobalt und Lithium gewonnen, die zur Energiegewinnung eingesetzt werden – „Gral und Speer erzeugen auf ihre Art und Weise ja auch Energie …“, so Scheib. Am Ende zertrümmert Parsifal den Stein – soll das heißen, zurück zur Natur, oder misstraut dem Technologiewahnsinn auf dieser Erde? Manche Fragen bleiben offen in dieser Inszenierung, obwohl dieser mit Musik und Text im Einklang stehende Ansatz von Scheib und seinem Team konsequent im Rahmen der „Werkstatt Bayreuth“ weiterverfolgt wurde.
Was die musikalische Seite der aktuellen Produktion des Bühnenweihfestspiels anbelangt, ist man in der Vorstellung am 10. August 2026 mit Wagner-Glück gesegnet. Im verdeckten Bayreuther Graben beherrscht Pablo Heras-Casado dessen akustische Tücken. Flüssig, in 100 Minuten, kommt der erste Aufzug daher, im zweiten Aufzug, 60 Minuten, setzt der Dirigent auf eine immens starke Dramatik, um sich im dritten Akt, 75 Minuten, Zeit bei nicht nachlassender Spannung und herbstlich sanfte, warme Töne sowie ein großes, mildes Ausfließen zu entscheiden. Dieses Dirigat, das dem Werk auch einen Anflug von Weihe, die jedoch niemals zum Selbstzweck mutiert, beimischt, bewegt und beeindruckt zugleich; das Festspielorchester zeigt sich von seiner besten Seite. Mit dem spanischen Dirigenten, der auf einen verführerischen Klang mit höchster Transparenz und Luzidität setzt, wurde nach den großen Dirigaten von Pierre Boulez und Hartmut Haenchen im 21. Jahrhundert nunmehr bereits der dritte Dirigent verpflichtet, der einen eigenen, durch und durch überzeugenden Weg beim „Parsifal“ gefunden hat.
Chorleiter Thomas Eitler-de Lint hat den Festspielchor hervorragend, souverän präpariert: Es erklingen stark akzentuierte, mächtig schallende Chöre bei höchster Differenzierung, wie man sie eben nur an diesem Ort hört.
Ausgezeichnet sind auch die Sängerleistungen an diesem Abend. Andreas Schager hat wiederum die Titelrolle übernommen und setzt an diesem Abend auf seine mächtige, laute Stimme. Eindringlich gestaltet er mit unerschöpflichem Heldentenor diesen reinen Toren, mehr an Differenzierung, die er dann im dritten Akt versucht, wäre mehr gewesen. Als neue Kundry ist Miina-Liisa Värelä aufgeboten und beeindruckt die Sopranistin mit einer echten hochdramatischen Interpretation dieser Rolle, wobei manche Momente mit ungeheurer Expressivität vorgetragen werden. Nicht mit klagendem Leid berührend, sondern einen mit Schmerzensschreien seines mächtigen Baritons ergreifenden, in seinen beiden großen Szenen im ersten wie im dritten Akt groß auftrumpfenden Amfortas gibt Michael Volle. Nobel, fast majestätisch, gepaart mit permanent imposanter stimmlicher Größe, singt Georg Zeppenfeld die Rolle des Gurnemanz. Stark gerät auch der Klingsor von Jordan Shanahan – einerseit ein beißend Gequälter, dann wieder dämonischer Zauberer. Mit Vitalij Kowaljow ist eine Luxusbesetzung als Titurel zu hören. Sehr gut singen die Blumenmädchen, Gralsritter und Knappen, unauffällig gerät das Altsolo. Auffallend ist die hohe Wortdeutlichkeit aller Agierenden, was am fließenden, wunderbar austarierten Klang des Dirigenten liegt, der nie breiig dick aus dem mystischen Abgrund in den Zuschauerraum strömt.
Tosender, donnernder Applaus vom Bayreuther Publikum nach einer durch und durch festspielwürdigen Aufführung von Wagners Bühnenweihfestspiel. Nächstes Jahr wird das „Bühnenweihfestspiel“ in Bayreuth neu inszeniert, man darf gespannt sein.