Abgründige Liedgestaltung – Matthias Goerne und Markus Hinterhäuser mit WINTERREISE von Franz Schubert in Salzburg

Matthias Goerne (rechts) und Markus Hinterhäuser (links) bei ihrem Liederabend im Mozarteum in Salzburg © Marco Borrelli

Bariton Matthias Goerne und Pianist Markus Hinterhäuser am Klavier als Partner nehmen das Publikum mit auf eine Reise zum letzten Liederzyklus von Franz Schubert, WINTERREISE D 911, nach Gedichten von Wilhelm Müller, im Großen Saal der Stiftung Mozarteum am 29. Juli 2026 bei den Salzburger Festspielen. Nach der Eskalation der Auseinandersetzung zwischen Hinterhäuser als Intendant der Salzburger Festspiele mit dem Kuratorium im Frühjahr dieses Jahres, die zu seiner Beurlaubung in dieser Funktion geführt hat – weshalb und warum, darüber zu spekulieren ist nicht die Aufgabe von SIMPLY CLASSIC – war es bis zuletzt ungewiss, ob Hinterhäuser absagen und spielen würde, der Künstler hat mit seinem Auftritt jedenfalls Größe bewiesen.

Und tun sich bei dieser gemeinsamen Liedgestaltung abgründig existenzielle Dimensionen auf, wenn es in dieser „Winterreise“ keinen Ausweg mehr aus menschlicher Isolation und ewig unerfüllter Sehnsucht gibt. Beide Künstler erzeugen nämlich ein tief bewegendes Bild von eisiger Einsamkeit und depressiver Verlorenheit, das nur hin und wieder von Emotionsstürmen oder Hoffnungs-Irrlichtern aufgehellt wird. Hatte der Sänger früher Schubert hin und wieder raunend schwer, die Vokale zu sehr gedehnt, mit zu dunkler, undifferenzierter Klangfarbe gesungen, interpretiert er heute mit wesentlich größerer Textverständlichkeit und Artikulation. Goernes sinnlich vibrierender, nach wie vor gaumig dunkler Bariton singt nicht, ja schreit, was ihn quält, mitunter förmlich nur so heraus, gleich einer existenziellen Expression, schreckt neben lyrischen Gesangsphrasen auch vor heftiger Deklamation nicht zurück, bisweilen mag man bei dieser Interpretation an Alban Bergs „Wozzeck“ erinnert werden. Der Wanderer wird hier eindringlich als ein zerstörter Mensch am Rande des psychischen Zerfallens gezeichnet, aufbrausend, bisweilen nahe dem Wahnsinn, hin- und hergerissen zwischen Melancholie, Aufbegehren, Zorn und Sehnsucht. Dicht, intensiv, in sich stimmig ist diese Gestaltung, eindringlich, zum Bersten gespannt, in manchen Momenten beängstigend. In dieser Winterlandschaft erwartet die Seele keinen Frühling mehr, dieser Weg ins Nichts ist ein Weg in die ureigenen Tiefen eines Menschen. Was Goernes ungeheure Ausdrucksintensität bei der Gestaltung eines der größten Werke der Musik – die für Einsamkeit und menschliches Leid stehende WINTERREISE stellt wohl den Olymp des Kunstliedgesanges dar – verursacht Beklemmung.

In nahezu kongenialem Einvernehmen mit der stimmlich gesanglichen Seite dieses Liederabends steht der ungemein differenzierte, kraftvoll wie subtile Klavierpart von Markus Hinterhäuser, der sich nicht auf eine Begleitung reduziert, sondern ein gemeinsames Gestalten in höchstem Maße vornimmt. Abgesehen davon, dass der Pianist wirklich mit dem Bariton atmet, spielt er höchst ausdrucksintensiv, Hinterhäuser scheint die Seelenqualen nur so aus dem Steinway heraus zu meißeln.

Eine Zugabe kann es nach diesem Zyklus naturgemäß nicht geben. Nach 75 Minuten aber frenetischen Jubel und Standing Ovations für Sänger und Pianisten.

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Portait Thomas Rauchenwald
Thomas Rauchenwald
Autor des Blogs „Simply Classic“

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