Auf dem Grünen Hügel in Bayreuth gibt es heuer 150 Jahre Bayreuther Festspiele zu feiern und das macht man mit einem außergewöhnlichen Projekt, indem man Richard Wagners Bühnenfestspiel DER RING DES NIBELUNGEN zum ersten Mal von Künstlicher Intelligenz gestalten lässt.
Dabei wird eine Software mit Bildern aller Inszenierungen der gewaltigen Tetralogie, die bei den Bayreuther Festspielen seit der Eröffnung 1876 zu sehen waren, sowie Aufnahmen der deutschen, wie der Bayreuther Festspielgeschichte, gefüttert. Zusätzlich wird dafür gesorgt, dass das Programm im Moment der Vorstellung aus diesem Fundus nach geeigneten Bildern sucht sowie eigene Bilder produziert. Was der KI einfällt, was ihr gefällt, wird von Beamern auf die Bühne rund um die überwiegend statischen Sängerinnen und Sänger projiziert. Diese, in aufwändigen, an große Vögel erinnernden Kostümen, machen viel mit Gestik und Mimik wett, weil eine Personenregie bzw. Personenführung, aus Text und Musik entwickelt, psychologisch fundiert, nicht stattfindet. Ebenso wenig wird mit irgendwelchen Requisiten gearbeitet.
Verantwortlich für diese Produktion ist Marcus Lobbes, Direktor der Dortmunder Akademie für Theater und Digitalität, mit seinem Team. Lobbes bezeichnet sich, entsprechend der Arbeit, die zu sehen ist, nicht als Regisseur, sondern als Kurator.
Im Ergebnis ist dieses Projekt als gescheitert zu werten – glücklicherweise, denn die KI kann keine fundierte Inszenierung wie Werkdeutung auf die Bühne bringen und hat das visualisierte Surrogat nichts mit Musiktheater gemein. Das Unterfangen hat aber auch seine positiven Seiten, nämlich wenn die KI in ihrer flimmernden Bilderflut farbenprächtige, wunderschöne Bilder produziert, die in ihrer Opulenz und Rauschhaftigkeit die Sogwirkung von Wagners großartiger Musik noch unterstreichen, ja verstärken. Und man muss sich nicht mit einer Inszenierung, die unter Umständen wie so oft in unserer Zeit am Werk vorbeizielt oder einem Unsinnswust als Auswuchs betonten Regietheaters auseinandersetzen. Vor allem aber kann man hingebungsvoll dem Gesang und der Musik lauschen, die im zweiten Ring-Zyklus der diesjährigen Bayreuther Festspiele – 4., 5., 7. und 9. August 2026 – wundersam von der Bühne und aus dem Graben tönen.
Um es gleich vorwegzunehmen – was Christian Thielemann und das Orchester der Bayreuther Festspiele leisten, ist einfach nur grandios, jede Aufführung für sich wie der gesamte Durchgang.
In bescheidener Untertreibung bezeichnet sich Christian Thielemann selbst oft als „Kapellmeister“. Gewiss sind gediegene Kapellmeistertugenden erforderlich, um so ein gewaltiges und komplexes Werk wie Wagners Bühnenfestspiel orchestral wie sängerisch kunstvoll schmieden zu können. Thielemann ist aber zudem ein hochkarätiger Pultvirtuose und fulminanter Interpret und gerät die aktuelle Tetralogie auf dem Hügel unter seiner außerordentlichen Stabführung zumindest musikalisch zum singulären Ereignis: Die Formation, an allen vier Abenden in allen Instrumentengruppen fabelhaft aufgestellt, von ein paar kleinen Wacklern des Blechs in der „Walküre“ abgesehen, liest ihm im verdeckten Graben scheinbar jeden Wunsch von den Augen ab, um die Vorgaben hingebungsvoll umzusetzen, was den Dirigenten wiederum zu einer entfesselten Leistung am Pult anstachelt und so ein großes Musikerlebnis entstehen lässt. Wunderbar, dass vom mystisch raunenden Urbeginn im „Rheingold“ bis zum kathartisch verklärenden Ausklang der „Götterdämmerung“ ein an Spannung nie nachlassender Bogen aufgebaut wie gehalten werden kann. Auffällig, wie ungewohnt transparent und zügig bei ungemein flüssigen Tempi Thielemann mittlerweile den „Ring“ musiziert. Großartig, wie das Orchester, das Thielemann im „mystischen Abgrund“ ideal zum Erklingen bringt, seine Aufgabe bewältigt, lyrische Stellen wie dramatische Höhepunkte werden gleichsam deutlich herausgearbeitet. Thielemanns Gestaltung beeindruckt – nicht nur die großen, rein orchestralen Abschnitte, sondern jeder Takt wird mit ungeheurer Intensität umgesetzt und soll in diesem Rahmen der wahrlich gigantische Strom, der den ganzen dritten Tag durchfließt und in einem erschütternd niederschmetternden Trauermarsch wie stromartig rauschenden Schlussgesang und groß aufrauschendem Orchesterfinale kulminiert, angeführt werden. Man kann einfach nur beglückt sein – über den seidigen Glanz der Streicher, die präzise herben Holzbläser, das runde, volle Blech und das markige Schlagwerk, wie Thielemann die Sängerinnen und Sänger in den kräftig leuchtenden Orchesterklang einbettet, denn selten ist der ganze Zyklus in einer derartigen Differenzierung wie ausgefeilten Agogik zu erleben.
Mögen auch die schweren, großen Wagner-Stimmen vergangener Tage fehlen, gesungen wird im zweiten Zyklus ebenso auf hohem Niveau, wobei drei Ausführende besonders hervorzuheben sind.
Gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann die Leistung von Klaus Florian Vogt, der an allen vier Abenden auf der Bühne steht – als Loge, Siegmund und Siegfried. Als Loge vermag er mit schelmischer Attitüde seines schmeichelnden Tenors zu überzeugen, als Siegmund mit phasenweise wunderbarem Schmelz. Beeindruckend, wenn er als Siegfried auf die erwachte Brünnhilde trifft, und seinem Tenor noch unerschöpfliche Reserven abringen kann und wie er sich in „Götterdämmerung“ die schwere Partie fabelhaft einteilt, um mit einem bewegenden Tod zu berühren.
Als Brünnhilde aufgeboten ist Camilla Nylund, eine Sängerin von höchster stimmlicher Klasse, die diese Rolle mit echter Menschlichkeit erfüllt. Der jungen Walküre am ersten Tag verleiht sie Weiblichkeit und Wärme, steht damit in der Tradition großer französischer Rollenvorgängerinnen wie Germaine Lubin und Règine Crespin. Die erwachende Frau am zweiten Tag stattet sie mir schier strahlenden Leuchtraketen ihres jugendlich-dramatischen Soprans aus. Und in die schwere Rolle der betrogenen Rächerin und Welterlöserin am dritten Tag wächst sie zwar mehr und mehr hinein, bemüht sich nach Kräften, ihre schöne Stimme durch die Orchestermassen zu bewegen, ist in diesem orchestralen Furor jedoch nicht ganz ungefährdet.
Michael Volle gibt mit enorm starker, viriler Stimme einen durch und durch imposanten Wotan, den er würdevoll erhaben zu gestalten weiß. Der Ausnahmesänger berührt immens in der „Walküre“ im strömend bewegend gesungenen Abschied von seiner Wunschmaid, beeindruckt mit blendender Diktion im „Rheingold“ und kräftigem Ausdruck im großen Monolog in der „Walküre“, und verfügt auch noch über uneingeschränkt stimmliche Mittel in der Szene mit Erda im „Siegfried“. Insgesamt eine souveräne Interpretation des durch Verträge sich selbst in den Untergang manövrierenden Göttervaters.
Mika Kares als Hunding und Fafner lässt trotz starker Bassschwärze seine gewohnte Bedrohlichkeit als Hunding und vor allem als Hagen dieses Mal ein wenig vermissen. Stimmlich prägnant und charakterlich stark präsentieren sich sowohl Jochen Schmeckenbecher als Alberich als auch Gerhard Siegel als Mime. Elza van den Heever gefällt als leuchtkräftige Brünnhilde, überragend mit sattem Mezzosopran Anna Kissjudit als Fricka, ungemein präsent mit warmem Mezzosopran Christa Mayer als Waltraute.
Das Publikum lehnt die von der KI generierte Szene beinahe einhellig ab, feiert die Sängerinnen und Sänger, bejubelt den Dirigenten orkanartig. Diesbezüglich hat sich nichts geändert in Bayreuth.