Die Grande Dame des Klaviers begeistert in Grafenegg

Martha Argerich und die Münchner Philharmoniker unter Lahav Shani beim Grafenegg Festival © Thomas Rauchenwald

In Grafenegg ist 2026 ein besonderer Sommer, findet doch das Grafenegg Festival zum 20. Mal statt. Einen besonderen Höhepunkt stellt gewiss das Konzert am Abend des 2. September 2026 im Wolkenturm dar, wenn die Jahrhundertpianistin Martha Argerich erstmals diesem Festival die Ehre gibt.

Unglaublich im Grunde, über welch immense Geläufigkeit eine der berühmtesten Pianistinnen der Gegenwart auch im reifen Alter noch verfügt. Das Konzert für Klavier und Orchester Nr. 2 B-Dur op. 19 von Ludwig van Beethoven perlt nur so aus dem wohlklingenden Steinway. Die Pianistin beeindruckt mit ihrem forschen Zugriff wie gleichsam temperamentvollen und fein subtilen Klavierspiel, das einfach von höchster, vollendeter Meisterschaft – und Leidenschaft – gekennzeichnet ist. In der Solokadenz im ersten Satz kommt fast ein wenig Wehmut auf, dass diese Künstlerin keine Soloabende mehr spielt. Lange in Erinnerung haften werden auch noch der romantisch verträumt gespielte zweite Satz mit seinen ausschwingenden Kantilenen und das ungemein rasante Rondo zum Abschluss, wo Martha Argerich den Steinway zwischendurch so richtig aufrauschen lässt. Dirigent und Orchester treten in echten Dialog mit der Pianistin, dass das Hören zur reinsten Freude gerät. Tosender Applaus des Publikums regen die Pianistin zu einer Zugabe an – die von der Ausnahmepianistin gern gespielte Sonate d-moll K. 141 von Domenico Scarlatti.

Ihre Partner an diesem Abend sind die Münchner Philharmoniker unter der Leitung von Lahav Shani, Chefdirigent dieses Orchesters seit 1. September 2026, die das Konzert mit einer spritzig gespielten, an Gioacchino Rossini gemahnenden, 1834 entstandenen Ouvertüre für Orchester Nr. 2 Es-Dur op. 24 der französischen Komponistin Louise Farrenc eröffnen.

Nach der Pause dann die Symphonie Nr. 4 e-moll op. 95 von Johannes Brahms, ein absolutes Meisterwerk dieser Gattung, in ihrem herbstlichen Klangcharakter unverwechselbar, beeindruckend durch die zur höchsten Vollkommenheit entfaltete Technik der totalen Variation, wodurch das herbe Werk den Weg weit in die Zukunft weist, obwohl barocke Kompositionstechniken und Formkonzepte auf den ersten Blick rückwärtsgewandt wirken.

Lahav Shani setzt auf eine passionierte, expressive Interpretation, den warmen Klangcharakter des Stückes betonend. Allein das Orchester ist an diesem Abend bedauerlicherweise nicht wie gewohnt in der Lage, den vom Pult ausgehenden Intentionen uneingeschränkt zu folgen. Zu viele unpräzise Einsätze vor allem des Blechs trüben die Interpretation, die Pauke poltert allzu sehr in den Abendhimmel, hervorzuheben sind aber erstklassige Leistungen der Soloflöte und Soloklarinette in dieser etwas durchwachsenen Wiedergabe.

Dem Publikum hat’s trotzdem gefallen, als Zugabe pfeffern Dirigent und Orchester noch einen – fulminant reißerisch gespielten – Ungarischen Tanz Nr. 5 – von Johannes Brahms in die stimmige Kulisse einen wunderbar lauen Grafenegger Sommerabends.

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Portait Thomas Rauchenwald
Thomas Rauchenwald
Autor des Blogs „Simply Classic“

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