Zum Tod eines ganz großen Dirigenten

Herbert Blomstedt (1927-2026) © DIE ZEIT

Am 11. Juni 2024, an seinem 97. Geburtstag, dirigierte Herbert Blomstedt die Bamberger Symphoniker in der Stiftsbasilika St. Florian an der letzten Ruhestätte von Anton Bruckner, des wohl größten österreichischen Symphonikers, mit dessen „dem lieben Gott“ gewidmete, unvollendete IX. Symphonie, d-moll, WAB 109.

Feingliedrig, zerbrechlich, wirkte der greise Grande Seigneur, als er, gestützt von zwei Orchestermusikern, ans Pult geleitet wurde. Dort aber einmal Platz genommen, wirkte er trotz sparsamer, aber überdeutlicher Gesten mit seinen Händen wie ein Jungspund, der dem Publikum in der vollbesetzten Stiftsbasilika mit ihrer eigenen, räumlich gestaffelten Akustik die ganze Radikalität von Bruckners Lebens- und Weltabschiedswerk zu vermitteln trachtete. Als „Krone Brucknerscher Symphonik“ wird der erste Satz, Feierlich. Misterioso, bezeichnet und öffnet diese Musik mit ihren scharfen, harmonischen Kühnheiten absolut neue Welten. Selten werden in diesem Satz die Dringlichkeit und die Schroffheit dieser Klangwelten derart martialisch herausgearbeitet und ausgekostet wie an diesem Abend unter Blomstedt, wenngleich hier das Orchester dem Dirigenten noch nicht wirklich ganz zu folgen vermochte im Hinblick auf kleine Ungereimtheiten im Blech. Die großen Steigerungswellen, eine Eigenart Bruckners, münden in der IX. Symphonie oft in einen Prozess des Zerfallens, was man bei Blomstedt schon überdeutlich vernehmen konnte. Das hämmernde, stampfende, bereits an Schostakowitsch gemahnende Scherzo: Bewegt, lebhaft mit dem schnellsten Trio, das Bruckner je komponiert hat, wurde von Blomstedt wie rasend, beinahe schon brutal, durchgepeitscht; man hat geglaubt, Skelette tanzen zu sehen, wurde an das Gemälde „Totentanz“ von Albin Egger-Lienz erinnert. Und in diesem Satz war auch das Orchester plötzlich in allen Gruppen hervorragend disponiert und steigerte sich diese Orchesterleistung im abschließenden dritten Satz, Adagio: Langsam, feierlich, zu erhabener, majestätischer Größe. „Das Adagio soll das schönste sein, das ich geschrieben habe. Mich ergreift es immer, wenn ich es spiele.“, soll Bruckner selbst über diesen seinen letzten, vollendeten symphonischen Satz gesagt haben, als ob er geahnt hätte, den vierten, konzipierten Satz nicht mehr fertigstellen zu können. Zwingend interpretierte Blomstedt mit dem Orchester diesen Kosmos, worin Bruckner musikalisch endgültig mit dieser neu dimensionierten Harmonik, diesen Dissonanzen, chromatischen Fortschreitungen, thematischen Gefügen, extremen Formdehnungen, Motiven und Reminiszenzen an Größen wie Mendelssohn oder Wagner strukturell als Vorreiter der Moderne in der Musik des 20. Jahrhunderts angekommen ist. Die choralartige Sequenz des Adagios in den Hörnern und Tuben hatte Bruckner als den „Abschied vom Leben“ gedeutet – und hier klangen bei Blomstedts sanfter Zeichengebung auch die Blechbläser dann wunderbar homogen, mild und rund. Und das Publikum war nach einer vollends erfüllten Stunde Musik zu Recht restlos begeistert.

Der schwedische Dirigent Herbert Blomstedt wurde am 11. Juli 1927 in Springfield, Massachusetts, USA, geboren. Er war Mitglied der Königlich-Schwedischen Musikakademie und Ehrenmitglied der Sächsischen Akademie der Künste. Gestorben ist der große, unspektakuläre Dirigent am 4. November 2026 im Alter von 99 Jahren in Göteborg.

Ein Tyrann mit dem Taktstock war dieser bescheidene, vor großer Musik demütige Mann nie; ausgezeichnet hat ihn Zeit seines Lebens die Tatsache, dass er als Leiter quasi mit dem Orchester mitmusiziert hatte.

Eine Chefposition bekleidete er beim Sinfonieorchester des Schwedischen Rundfunks, von 1997 bis 1985 war er Chefdirigent der Staatskapelle Dresden, von 1985 bis 1995 Music Director des San Francisco Symphony Orchestra und von 1996 bis 1998 Chefdirigent des NDR Sinfonieorchesters. Ungemein erfüllt waren seine Jahre als Gewandhauskapellmeister in Leipzig von 1998 bis 2005: dieses Orchester, dessen Ehrendirigent er war, wollte er an seinem 100. Geburtstag dirigieren, dazu kommt es leider nicht mehr.

Als Gastdirigent wirkte Herbert Blomstedt bei vielen bedeutenden Orchestern, neben den Bamberger Symphonikern, bei denen er seit 2006 auch Ehrendirigent war, den Berliner Philharmonikern, dem Boston Symphony Orchestra, dem Chicago Symphony Orchestra, dem Israel Philharmonic Orchestra, dem Concertgebouw Orkest Amsterdam, dem Los Angeles Philharmonic Orchestra, den Münchner Philharmonikern, dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks und den Wiener Symphonikern.

Mit den Wiener Philharmonikern trat er erst sehr spät, erstmals 2011, auf. Die hohe gegenseitige Wertschätzung führte dazu, dass dieses Orchester Blomstedt 2019 zum Ehrenmitglied ernannte. Der Ausnahmedirigent schätzte den unvergleichlichen Klang der Wiener Philharmoniker sehr, gemeinsam hat man ein vielseitiges Repertoire erarbeitet.

In meiner Erinnerung bleiben, neben einem mild fließendem Deutschen Requiem von Brahms mit den Wiener Symphonikern und dem Wiener Singverein, vor allem wunderbare Konzerte mit den Wiener Philharmonikern – in Wien mit Beethovens siebter und achter Symphonie, der zweiten Symphonie von Mendelssohn-Bartholdy und Strawinskys Psalmensymphonie, dem Violinkonzert von Brahms und Nielsens fünfter Symphonie wie der fünften Symphonie von Bruckner, zudem noch bei den Salzburger Festspielen die unvergesslichen Wiedergaben von Bruckners siebter und achter Symphonie sowie eine herrliche neunte Symphonie von Mahler.

„Die Musik soll sprechen – ich sehe meine Aufgabe darin, dass die Musik möglichst viel sagt, ich möglichst wenig.“ Kein Satz beschreibt Blomstedts künstlerisches Bekenntnis  treffender, steht er doch für außergewöhnliche Musikalität, tiefer Menschlichkeit und großer Demut vor der Partitur.

Sein Vater war „fordernd in fast extremer Weise“, „Er wollte immer, dass die Dinge, die wir tun, Ewigkeitswert haben.“ – berichtete Blomstedt einmal selbst. Was die Interpretation der Symphonien von Bruckner betrifft, hat er selbst genau das erreicht. Seine klar strukturierten, zwingend aufgebauten, weit geatmeten, doch nie zelebrierten, ungemein reichen, dichten Interpretationen dieser großartigen Symphonik besitzen Geltung wohl für die Ewigkeit. Bleiben werden auch seine Interpretationen der Symphonien von Beethoven, Schubert, Brahms, Mahler, Nielsen und Sibelius sowie der Tondichtungen von Richard Strauss. Eingesetzt hat er sich auch immer für die Werke seines schwedischen Landsmannes Wilhelm Stenhammar.

Jan Nast, Intendant der Wiener Symphoniker schätzt an Herbert Blomstedt die „Tugenden Klugheit, Besonnenheit und Bescheidenheit. Ich kenne nur wenige Dirigenten, die ihre Erfahrungen so unprätentiös teilten wie er. Bei seinen Ratschlägen stand stets die Musik im Zentrum – und nicht seine Person.“

Die Salzburger Festspiele „blicken mit großer Dankbarkeit auf die künstlerischen Begegnungen mit ihm zurück. Über mehr als vier Jahrzehnte hinweg hat er dem Festspielpublikum musikalische Sternstunden geschenkt und dabei Werke immer wieder in ihrer ganzen Tiefe und Lebendigkeit erfahrbar gemacht. … Herbert Blomstedt hat ein langes, außergewöhnlich erfülltes Künstlerleben geführt. Bis zuletzt blieb er der Musik mit einer Hingabe verbunden, die keine Routine kannte und keine Altersgrenzen zu akzeptieren schien.“

Das Gewandhausorchester Leipzig „verliert mit Herbert Blomstedt einen der größten Musiker unserer Zeit und einen außergewöhnlichen Menschen. Er hat das Gewandhausorchester künstlerisch nachhaltig geprägt und … zugleich gelehrt, dass Größe aus Bescheidenheit erwächst. Seine Güte, seine Wahrhaftigkeit und seine unerschütterliche Hingabe an die Musik werden uns für immer Vorbild bleiben. Wir verneigen uns vor seinem Lebenswerk.“

Dem ist nichts hinzuzufügen. R. I. P., Herbert Blomstedt.

Wer Herbert Blomstedt zu Hause at his best erleben will, sei die Einspielung der Symphonien Nr. 1 bis 9 von Anton Bruckner ans Herz gelegt, erschienen bei Accentus Music. Blomstedts einzigartiger Bruckner-Zyklus spiegelt eindrücklich den außergewöhnlichen Geist der langjährigen Partnerschaft zwischen dem legendären Dirigenten und dem wunderbaren Gewandhausorchester Leipzig. Die neun, in dieser Box veröffentlichten Symphonien, wurden zwischen 2005 und 2012 im Leipziger Gewandhaus aufgenommen.

Themenschwerpunkte
Portait Thomas Rauchenwald
Thomas Rauchenwald
Autor des Blogs „Simply Classic“

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