Residenz in Wien – Franz Welser-Möst mit seinem Cleveland Orchestra

Franz Welser-Möst wird im Brucknerhaus Linz von Landeshauptmann Thomas Stelzer mit dem Goldenen Ehrenzeichen um Verdienste für die Republik Österreich ausgezeichnet © Max Mittendorfer

Im nächsten Jahr, 2027, wird Franz Welser-Möst nach 25 (!) Jahren als Musikdirektor die Leitung des amerikanischen Cleveland Orchestra abgeben. Am 11. Oktober 2026, nach einem Konzert mit dem genannten Klangkörper im Brucknerhaus Linz, mit dem er in Bezug auf seine eigene musikalische Geschichte eng verbunden ist, wurde der Topdirigent von Landeshauptmann Thomas Stelzer in Vertretung von Bundespräsident Alexander Van der Bellen verdientermaßen mit dem Großen Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich ausgezeichnet.

„Als ich meine letzte große Europatournee mit dem Cleveland Orchestra plante, wollte ich zeigen, wofür dieses Ensemble steht und seine außergewöhnlichen Qualitäten hervorheben.“, so der Dirigent im Vorfeld. Im Rahmen dieser Tournee – 15 Konzerte binnen 23 Tagen in 9 Ländern und 12 Städten – mit seinem absoluten Spitzenorchester dirigiert er auch zwei Konzerte bei der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien sowie ein Konzert bei der Wiener Konzerthausgesellschaft.

Das Cleveland Orchestra gilt seit jeher als das „europäischste“ unter den amerikanischen Spitzenorchestern und ist von einer ganz spezifischen Klangkultur gekennzeichnet, von betonter Transparenz, bisweilen kammermusikalisch fein. Vor allem die Zusammenarbeit mit dem österreichischen Musikdirektor, der den spezifischen Klang des Orchesters noch weiter verfeinert hat, war durch außergewöhnliche künstlerische Ansprüche geprägt, was auch wieder in den Wiener Konzerten, sowohl im Großen Musikvereinssaal – die Reihe von Residenzen von Cleveland in dieser Institution, die ersten ihrer Art für ein amerikanisches Orchester, bedeuteten markante Meilensteine währen Welser-Mösts Amtszeit – als auch im Großen Konzerthaussaal Saal, eindrucksvoll zu erleben ist.

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Ungetrübte Freude, Licht, Helligkeit herrscht im Hauptwerk des ersten Abends am 15. Oktober 2026 im Musikverein nach der Pause bei der Symphonie Nr. 2 D-Dur op. 73 von Johannes Brahms, komponiert größtenteils 1877 während eines Sommeraufenthaltes des Komponisten in Pörtschach am Wörthersee. Frisch, malerisch wie diese Gegend ist auch dieses Werk, Welser-Möst setzt sie unglaublich zügig um, vergisst aber auch nicht deren ernsten, melancholischen Seiten. Man dieses Werk auch überwiegend herbstlich gefärbt interpretieren – gehört vergangenen Sonntag am selben Ort. Bei Welser-Möst scheint hingegen unentwegt die milde Sonne, duften Frühling und Frühsommer, sodass das herrliche Werk auf andere, ebenso restlos überzeugende Art seinen ganzen Zauber entfalten kann. Orchesterkultur und Orchesterspiel sind erlesen, wunderbar die fein gezogenen Celli im Gesang des zweiten Satzes, hervorzuheben auch das phänomenale Solohorn. Ungemein fein, höchst subtil modelliert der Dirigent am Pult das Werk, setzt auf helle Luzidität und tief empfundene Gesanglichkeit, erfasst interpretatorisch vollkommen auch den ganzen Reichtum und die ungeheure Tiefe dieses schönen Werkes. Im Finale dann ein nahezu entfesselter Welser-Möst, der das Orchester – man gestatte mir diesen Vergleich – Edelrössern gleich von den Zügeln lässt, dennoch in jedem Takt Herr des Geschehens bleibt. Jubel im Musikverein nach einer einfach nur beglückenden Wiedergabe dieser Symphonie, die nicht zu Unrecht den Beinamen Brahms‘ „Pastorale“ verdient.

Vor der Pause brilliert das Orchester mit einem ruhig und sanft beginnenden, zwischendurch gesteigerten, zum Schluss verebbenden Werk von Franz Liszt, dessen „Orpheus“. Symphonische Dichtung Nr. 4. Hervorragend stechen in diesem selten gespielten Stück die Soli von Oboe, Violine und Englischhorn heraus. Und die Symphonie Nr. 2 aus der Feder von Bohuslav Martinu, komponiert in der amerikanischen Emigration, gewidmet seinen tschechischen Landsleuten – eine äußerst unproblematische, gefällige, vorwärtsdrängende Komposition – ist bei diesem, in allen Instrumentengruppen einfach blendend aufgestellten Orchester, ebenfalls bestens aufgehoben, vor allem dann, wenn Welser-Möst die Eruptionen dieses Werkes so richtig freilegt.

Der zweite Abend im Musikverein am 16. Oktober 2026 beginnt mit Introduktion und Finale aus der Oper „Daphne“ von Richard Strauss. Für sein Orchester hat Franz Welser-Möst, der über eine besondere Affinität zu den „Griechen-Opern“ Strauss‘ verfügt, eine konzertante Fassung einzelner Szenen dieser „bukolischen Tragödie“ zusammengestellt. Auch eine besonders feine, klangsinnliche Wiedergabe wie in diesem Konzert vermag aber nicht die Singstimmen im lyrisch verschwenderischen Reichtum dieses Werkes zu ersetzen.

Nach der Pause tritt ein sehr groß besetztes Cleveland Orchestra, allein neun Kontrabässe sind aufgeboten, zur Aufführung der Symphonie Nr. 8 c-moll op. 6 von Dmitrij Schostakowitsch, entstanden im Sommer 1943, im November desselben Jahres von Jewgenij Mrawinskij, dem sie auch gewidmet ist, uraufgeführt, an. Nicht Heroismus prägt dieses Werk, das gemeinsam mit der 7. und 9. Symphonien zu den drei „Kriegssymphonien“ zählt, sondern Erschütterung über das Unfassbare des Zeitgeschehens, somit ein zeitlos aktuelles Werk.

Die Interpretation von Welser-Möst auch dieses massiv tragischen Werkes ist von lyrischem Fließen, strukturierter Durchsichtigkeit und einer feinen Ästhetik geprägt, Dirigent und Orchester betonen mit äußerst klanglicher Sensitivität die Durchhörbarkeit der Klangarchitektur dieser Musik mit ihren vielschichtigen Verflechtungen. Was Welser-Möst auf unglaubliche Art und Weise gelingt, ist der Aufbau einer latent bedrohlichen, unangenehmen, ja unerträglichen Extremspannung, die er über die gesamte Spieldauer von etwas mehr als einer Stunde nahezu unerbittlich hält. Das Orchester folgt ihm, auf Stuhlkanten sitzend musizierend, wie am ersten Abend in allen Instrumentengruppen blendend disponiert, mit brillanten Soli. Die Aufführung lässt eine abgründige Atmosphäre von Grauen und Tod entstehen, in der Coda des Schlusssatzes wird die Atmosphäre im Musikverein so richtig klirrend kalt.

Beeindruckend, wie die Eigentümlichkeiten der Musik Schostakowitschs – dieses großartige, erschütternde Werk ist ein Kosmos voller Ironie, Sarkasmus, Grimm, Depression, Melancholie, Schmerz, Leid und Scheineuphorie – herausgearbeitet werden. Vor allem aber lässt dieser Dirigent die Musik sprechen und neigt nicht zu deren Überzeichnung oder gar Radikalisierung. Mit eindringlicher, dabei klarer Kraft wird das symphonische Geschehen gestaltet. Gewiss lassen russische Orchester dieser Musik mehr Pathos, Dramatik und Schwere zukommen – bewegender, ergreifender als unter Welser-Möst kann das Werk deshalb aber nicht klingen. Standing ovations vom Publikum nach dieser eindringlichen Wiedergabe.

Franz Welser-Möst und Cleveland schließen ihre Konzerte im Musikverein jeweils mit einer Zugabe – den ersten Abend mit der Zwischenaktmusik aus der Operette „Eine Nacht in Venedig“ von Johann Strauß Sohn, den zweiten Abend mit „Träumerei“ von Robert Schumann, arrangiert für Orchester, von Josef Strauß.

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Neben meisterlichen Interpretationen im Konzert vor allem der Werke von Beethoven, Schubert, Brahms, Bruckner, Tschaikowsky, Mahler, Strauss, Sibelius, Strawinsky, Prokofieff und Schostakowitsch ist Franz Welser-Möst ein großer Förderer zeitgenössischer Musik. Der österreichische Komponist Bernd Richard Deutsch, geboren 1977, war Cleveland von 2018 bis 2020 als „fellow composer“ assoziiert und hat sein Orchesterwerk „Intensity“, komponiert 2029-2020, Franz Welser-Möst gewidmet, der es 2022 in der Severance Hall in Cleveland auch uraufgeführt hat. Seine Erstaufführung im Wiener Konzerthaus nach der österreichischen Erstaufführung im vergangenen Sommer bei den Bregenzer Festspielen erlebt das Werk nun im Konzert Welser-Mösts mit seinem Orchester am Abend des 17. Oktober 2026 – naturgemäß ist das im ersten Teil vorwärtsdrängende, im zweiten ruhige, im dritten wieder pulsierend bewegte, sehr ansprechende, an Energieausbrüchen reiche Werk bei diesen Interpreten in den besten Händen.

Zum Auftakt gab es zuvor noch die Symphonie Nr. 34 C-Dur KV 338, einem der letzten größeren, 1780 in Salzburg entstandenen Werke, von Wolfgang Amadeus Mozart. Das dreisätzige, formspezifische Werk, im zweiten Satz an eine Serenade, im dritten an ein Konzert erinnernd, wird in großer Besetzung gespielt. Zu Beginn wendet sich der Dirigent an das Publikum und erklärt, dass im Rahmen der Proben zur Uraufführung in Wien 1781 Mozart beglückt an seinen Vater geschrieben hatte, bei den Proben sind ihm 40 Violinen, 10 Kontrabässe und doppeltes Holz zur Verfügung gestanden. Den Intentionen Mozarts sollte mit dieser Aufführung also voll entsprochen worden sein.

Nach der Pause sind dann noch Franz Welser-Möst und ein hoch konzentriertes, wie gewöhnlich in allen Gruppen bestens disponiertes Cleveland Orchestra mit dem Hauptwerk des Konzertabends zu erleben, der „Sinfonia domestica“ F-Dur op. 35 für großes Orchester von Richard Strauss, entstanden 1804, uraufgeführt 1904 in der Carnegie Hall in New York unter der Leitung des Komponisten. Höchst sinnlicher Klangsensualismus pur prägt diese flüssige, subtile Interpretation, der Dirigent ist voll in seinem Element, straff, mit virtuoser Schlagtechnik führt er das Orchester mit seinem ausgeprägt feinem, ebenso virtuosem Orchesterspiel, ungemein transparent wie ausgewogen strömt diese herrliche Musik in den Saal. Dem Klangzauberer Strauss wird alle Ehre erwiesen, das Orchester entfaltet seine ganze Farbenpracht, der heitere, genussvoll prunkvolle Klangrausch kann voll seine Wirkung entfalten. Hinter der Fassade eines häuslichen Familienidylls Strauss‘ verbirgt sich aber auch ein artifizielles Kunstwerk sondergleichen, lässt sich das Programm eines plakativen Familienporträts doch auch als Musik über Musik, als Schilderung eines Kompositionsprozesses deuten. Der Dirigent mischt der üppig reichen Schönheit auch eine gehörige Portion Wehmut bei, was die feine Interpretation ungemein bewegend wie ergreifend macht und das Werk, welches bedauerlicherweise nicht so oft zu hören ist wie andere Tondichtungen aus Strauss‘ Feder, um eine weitere Dimension bereichert. Jubel und stehende Ovationen für den Dirigenten und die Gäste aus Cleveland im Großen Saal des Wiener Konzerthauses.

Sanft wehmütig klingt dann zum Abschied aus Wien auch die Zugabe, die „Mondscheinmusik“ aus dem Konversationsstück für Musik in einem Akt, „Capriccio“, von Richard Strauss.

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Franz Welser-Möst, der siebte und nach George Szell der am längsten amtierende Musikdirektor in Cleveland, leitete seit Beginn seiner Amtszeit 2002/03 über 1.200 Aufführungen in 26 Ländern und 15 US-Bundesstaaten; 56 der derzeit 100 MusikerInnenstellen wurden von ihm besetzt. Meilensteine umfassen u. a. die Gründung eines eigenen Plattenlabels, den Start der Streaming-Plattform Adella.live und das Mandel Opera & Humanities Festival. Neben seiner Konzerttätigkeit ist er auch ein begnadeter Interpret seiner sechs „Operngötter“ – Mozart, Puccini, Verdi, Wagner, Strauss und Janàcek. Beenden wird er seine Tätigkeit in Cleveland im Mai 2027, wo, neben Konzerten mit Werken von Haydn, Mahler, Sibelius und Strawinsky, auch drei Aufführungen von Richard Strauss‘ Oper in drei Akten „Die Frau ohne Schatten“ auf dem Programm stehen.

Themenschwerpunkte
Portait Thomas Rauchenwald
Thomas Rauchenwald
Autor des Blogs „Simply Classic“

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