Un compositore in ascolto – Zum 100. Geburtstag von Luigi Nono

Nono
Luigi Nono © Bridgeman Images

Die Grundzüge von Nonos Musik sind früh erkennbar. Auflehnung und Widerspruch, mit elementarsten Mitteln umgesetzt. Dagegen das Poetische, das Zarte, das Nachhören und Nachspüren der feinsten, der innersten Regung. Lauteste Passagen roher Gewalt und leiseste Gesänge. Immer wieder Pausen, lange Fermaten, die die einzelnen Ereignisse über die Stille hinaus auf geheimnisvolle Weise miteinander verknüpfen. Das Phänomen einer Form, die verschiedenste Teile mühelos ineinander übergehen lässt, ohne klare Zäsur, ohne Absatz. Alles scheint aufgehängt an einem unsichtbaren Faden, scheint zu schweben aufgrund einer höheren Ordnung.

Luigi Nono stammt aus Venedig. Einer Stadt, die aus Inseln besteht. Die über Brücken miteinander verbunden sind. Um sie herum fließt das Wasser des adriatischen Meeres. Das Beständige und das Fließende berühren sich allerorten. In ihrer Mitte der Dom zu San Marco. Hier hatten schon im 16. Jahrhundert Gabrieli und Monteverdi ihre mehrchörigen Werke zur Aufführung gebracht und damit die Musik im Raum begründet, auf die sich Nono immer wieder bezieht. Er liebte diese Stadt und verdankt ihr vieles. Auf San Michele ist er begraben. Es ist ein prächtiges Grab, von Efeu überwachsen.

Diese Zeilen stammen aus dem Buch „Keine Angst vor neuen Tönen. Eine Reise in die Welt der Musik“, erschienen im Rowohlt Taschenbuch Verlag, verfasst von Ingo Metzmacher, einem der führenden Dirigenten unserer Zeit wie ausgewiesenen Interpreten neuer Musik. Sie charakterisieren verständlich und punktgenau die Musik des am 29. Januar 1924 geborenen und am 8. Mai 1990 verstorbenen, italienischen Komponisten Luigi Nono, eines Avantgardisten, bei dem im Zentrum seiner Arbeit vor allem das Hören stand.

Intensiv studiert hat er nicht nur die Werke der (polyphonen) alten Musik, sondern auch die von Bela Bartok und Igor Strawinsky und die im faschistischen Italien verbotene Musik der Zweiten Wiener Schule. Gestrebt hat er zeitlebens nach Freiheit, Gerechtigkeit sowie einer radikalen und vor allem humanistischen avantgardistischen Musik – und wird als Komponist in Erinnerung bleiben, der sich als Pazifist und Antifaschist immer auf die Seite der Schwachen geschlagen hat.

Im engen Austausch war er mit Musikern wie Pierre Boulez, Karl Amadeus Hartmann, Hans Werner Henze, Hermann Scherchen und Karlheinz Sockhausen, von dessen strengem Serialismus er sich aber abgrenzte. Dass Nono 1954 Arnold Schönbergs Tochter Nuria heiratete, mag man als eine besonders glückliche Fügung der Geschichte sehen, schließlich war der Komponist in seiner Generation der wahrscheinlich verständigste Adept von Schönbergs Kompositionstechniken. Seine Musik war immer radikal und experimentell, erfüllt von tiefem Humanismus. Er begeisterte sich für die Lyrik Friedrich Hölderlins und war auch in intensivem Austausch mit Dichtern wie Giuseppe Ungaretti, Malern wie Emilio Vedova und Architekten wie Renzo Piano.

Zu seinen bahnbrechenden Kompositionen zählen die Variazioni canoniche sulla serie dell’op. 41 die Schoenberg, wo er mit dem Aufgreifen der Zwölftonreihe an Schönbergs antifaschistische „Ode to Napoleon“ op. 41 an politische Aussagen der Kommunistischen Partei Italiens anknüpft. Nuria Schönberg gewidmet ist Liebeslied für gemischten Chor und Orchester, Incontri per 24 strumenti zeichnen sich durch komplizierte Spiegeltechniken sowie die Verwendung einer Zwölftonreihe aus. Il canto sospeso für Sopran-, Alt- und Tenorsolo, gemischten Chor und Orchester, ist eine Vertonung von Abschiedsbriefen zum Tode verurteilter Widerstandskämpfer. Seine erste Komposition mit elektronischen Klängen ist Omaggio a Emilio Vedova.

Elektronische Musik spielt auch in seiner 1960/1961 entstandenen Oper Intolleranza 1960 eine bedeutende Rolle. Das Werk wurde für die Biennale 1961 in Venedig komponiert und verarbeitete im Libretto Texte von Julius Fučík, Jean-Paul Sartre, Paul Éluard und Bertolt Brecht. Die Premiere geriet zum Eklat, als Neo-Faschisten die Aufführung störten. Nono, der an den Kommunismus glaubte, prangert darin alle Formen von Gewalt, Vertreibung und sozialer Ungerechtigkeit an.

Aus 1975 stammt die Oper Al gran sole carico d’amore, die als einzige Revolutionsoper des 20. Jahrhunderts gilt: Anhand von mehreren Frauenschicksalen werden darin die Geschichte des Kommunismus und des Klassenkampfes erzählt, im Libretto werden Texte von Gramsci, Marx, Gorki, Brecht, Pavese, Rimbaud, Lenin, Fidel Castro und Che Guevara verwendet.

Sein wahrscheinlich größtes Musiktheater ist Prometeo, 1984 in Venedig uraufgeführt, von Nono als „Tragödie des Hörens“ verstanden: Das Hören, das in seinem Spätwerk im Mittelpunkt überhaupt steht, ist für ihn ein politischer Akt und vereint sich in diesem Stück seine Erkenntnis, dass Musik sich dem Verstummen nähern müsse, um gehört zu werden, mit dem revolutionären Anspruch, den er nie verraten hat. Nicht umsonst ist Prometheus der Widerstandskämpfer, in dem sich die ganze Menschheit wiederfinden kann.

1976 fertiggestellt wurde ….. sofferte onde serene … für Klavier und Tonband, gewidmet Marilisa und Maurizio Pollini, worin Nono persönliche Elemente von ihm selbst als auch von Pollini, die Trauer über den Tod ihrer Angehörigen und die Klangwelt seiner Heimatstadt Venedig integrieren wollte. 1980 versetzte er die Musikwelt mit seinem nicht mehr anklagenden, sondern fragenden Streichquartett Fragmente – Stille, An Diotima in großes Erstaunen.

Viele taten sich mit seiner Musik schwer, besonders mit seinem Spätwerk, taten sich damit schwer, diesen Weg in die Innerlichkeit, diesen Wandel zum Leisen hin eines Lauten, der sich immer eingemischt hat, nachzuvollziehen. Am 29. Januar 2024 wäre Luigi Nono hundert Jahre alt geworden. Der Venezianer gehörte zu den großen Vertretern der musikalischen – nicht nur der italienischen – Avantgarde der Nachkriegszeit.

Portait Thomas Rauchenwald
Thomas Rauchenwald
Autor des Blogs „Simply Classic“

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