Ein beachtliches Debüt – Benjamin Bruns als junger SIEGFRIED an der Bayerischen Staatsoper

Das Kind (Felix Fröbel), rechts, in Siegfried (Benjamin Bruns), links, trifft angsterfüllt auf die schlafende Frau, Brünnhilde (Simone Schneider), liegend, mittig - SIEGFRIED, 3. Akt, Bayerische Staatsoper © Monika Rittershaus

Die erste Premiere der neuen Saison 2026/27 an der Bayerischen Staatsoper München gilt im Nationaltheater SIEGFRIED, dem zweiten Tag des Bühnenfestspiels DER RING DES NIBELUNGEN von Richard Wagner. Und um es gleich vorwegzunehmen – die Fahrt nach München lohnt auch dieses Mal, trotz kleiner, durchwachsener Elemente.

Spannung war nicht nur wegen der Tatsache angesagt, wie Regisseur Tobias Kratzer den RING weitererzählen wird, und ob er, im Hinblick auf seine nunmehrige Intendantentätigkeit an der Hamburgischen Staatsoper, auch ausreichend Zeit für die szenische Entwicklung eines Wagner’schen Musikdramas finden würde, noch dazu eines solchen, wo die Regie mehr als gefordert ist, um nicht ins Lächerliche abzugleiten, sondern auch wegen des Debüts von Tenor Benjamin Bruns in der Titelrolle nach dem Fachwechsel ins Heldenfach.

Und die Bemühungen des Sängers scheinen sich zu lohnen. Mögen manche die Rolle mit überbordender Phonation und höherem Lautstärkepegel schallen lassen, Bruns teilt sich die Partie nach etwas zögerlichem Anfang bis zum strahlenden Finale höchst intelligent ein. Zu hören ist eine im Grunde noch im Ansatz lyrische Stimme, jedoch immer dramatischer werdend, kernig, hervorragend fokussiert, sehr schön timbriert, mit unerschöpflichen Kraftreserven, das nötige Metall mehr und mehr beimischend. Bei konsequent behutsamer Weiterentwicklung und intelligent schonendem Umgang mit dem überaus schönen Material darf man sich heute schon auf seinen Siegfried in „Götterdämmerung“ bei den nächsten Opernfestspielen in München 2027, vor allem aber auf die beiden Siegfriede im RING bei den Osterfestspielen Salzburg 2029 und 2030, wo die höchst gelungene, intelligente Interpretation erwartungsgemäß durch und durch ausgereift sein wird, freuen.

Überhaupt sind den Herren in der dritten Vorstellung der aktuellen Premierenserie am 4. November 2026 überwiegend sehr gute gesangliche Leistungen zu attestieren, allen voran Nicholas Brownlee als Wanderer, der mit körnig kräftigem Bassbariton die hoch liegende Heldenbaritonpartie hervorragend im Griff hat. Wie diese Figur mit dem Verlust der Autorität kämpft, im Dialog mit seinem Enkel auch zu berühren vermag, gelingt diesem noch nicht 40jährigem Sänger stimmlich hervorragend, schlicht ergreifend. Timo Riihonen beeindruckt als bassstarker, kantabler Fafner. Was die beiden Zwergenbrüder anbetrifft, changiert Georg Nigl als Alberich, für die Rolle durchaus passend, zwischen expressivem Ausdrucksgesang, heftiger Deklamation und Bänkelsängertum, und ist Matthias Klink ein Mime mit einem für die Rolle allzu schönen, lyrischen Tenor; es hätte diesbezüglich mehr von der Regie bedurft, den feigen, widerwärtig hinterlistigen Charakter der Figur herauszuarbeiten. Wiebke Lehmkuhl steuert eine altsatte, warmstimmige Erda bei. Bedauerlicherweise eine Fehlbesetzung, weil stimmlich der Rolle einfach nicht gewachsen, stellt Leo Eisenreich (Solist des Tölzer Knabenchores) mit behutsam geführtem, leider jedoch unsicherem Knabensopran, dar. Simone Schneider als Brünnhilde verfügt über eine gediegene, ungemein grundierte Tiefe und Mittellage, ihre wackelnden, nicht immer fokussierten, aufgesetzten, bisweilen schrillen Höhen sind leider keine volltönenden Leuchtraketen und wirken von der übrigen Stimme abgekoppelt, letztendlich ist das zu wenig für ein allererstes Haus wie die Bayerische Staatsoper.

Generalmusikdirektor Vladimir Jurowski am Pult lässt die ersten beiden Akte straff fließen, den dritten versieht er mit einer gewaltigen Portion Dramatik, erzeugt höchste Spannung, die er glücklicherweise gekonnt halten kann, um nicht ins Schleppen zu verfallen. Das Bayerische Staatsorchester hat einen überwiegend guten Tag, hervorzuheben Franz Draxinger am Solo-Horn. Die Vielschichtigkeit der Partitur dieses gewaltigen Werkes – viel bewegte, schnelle Musik, starke Charaktermusik, groß flutender Klang – trifft Jurowski sehr gut auf den Punkt.

War der Vorabend auf die Religion bzw. das Wiedererstarken eines Wotanskultes und der erste Tag auf die Familienproblematik fokussiert, steht das Erwachsenwerden des jungen Siegfried im Zentrum der Inszenierung, wobei der Regisseur bei seiner Arbeit wiederum von Rainer Sellmair (Ausstattung), Michael Bauer (Licht) sowie Manuel Braun, Jonas Dahl und Janic Bebi (Video), unterstützt wird.

Wie bereits in einen anderen Bericht kundgetan, lautet ein Credo von SIMPLY CLASSIC, dass Oper, überhaupt Musiktheater, von GesangsdarstellerInnen lebt, weshalb der heranwachsende, pubertierende Siegfried im ersten Akt, der seinen Ziehvater Mime drangsaliert, von einem Jungen (Felix Fröbel) gespielt wird und der Tenor die Partie von der Seite singt, zunächst sehr irritiert. Mehr und mehr mengt sich der echte Sänger dann aber in die Handlung ein, der Abtritt des Kindes bleibt nahezu unbemerkt, weshalb das Heranwachsen Siegfrieds, hier ähnlich einem Comic-Strip, nachvollziehbarer wird und derart Kratzers Regiekniff, schlüssig nachvollziehbar, voll aufgeht. Und einmal noch kommt der Junge wieder, wenn im dritten Akt Siegfried die Schlafende als Frau erkennt, die ihm Angst macht, das Kind in ihm erwacht, und er sich nach seiner Mutter sehnt. Kratzers Personenregie ist exzeptionell, teils abgründig, mitunter ergreifend berührend, seine Personenführung überaus psychologisch fundiert, was für alle Handelnden gilt.

Natürlich bleibt er sich, auch was die desillusionierende Ausstattung und die wiederum passenden, bisweilen hintergründigen Videos mit hohem Unterhaltungswert betrifft, treu. Mimes Höhle im Wald ist eine Wohnung in einem Plattenbau, in einen solchen hat sich auch der Kapitalist Fafner zurückgezogen, seine Wohnung bzw. Drachenhöhle liegt in einer wenig ansprechenden, heruntergekommenen Umgebung, Jugendgangs ziehen durch die Straße, neben dem Haus wird eine chinesische Wäscherei betrieben, auf der anderen Seite ein wenig einladender Kiosk, irgendwie erinnert das dann doch zu sehr an Frank Castorf in Bayreuth. Im Sinne einer echten, hippen Netflix-Serie das Video zur Orchestereinleitung des zweiten Aktes, das die weitere Entwicklung Fafners, des religiösen Kapitalisten in Spielhöllen, auf Auktionen, in frivolen Nachtclubs, schildert. Im dritten Akt bleibt Kratzer aber konsequent bei der Szenerie des Schlusses der „Walküre“: Brünnhilde erwacht auf der Matratze im Königssaal des Nationaltheaters, es gibt auch ein echtes Pferd, sogar die acht Walküren begleiten der Wunschmaids Liebestaumel mit dem ebenfalls „erwachten, herrlichen Helden“ Siegfried.

Neben der Entwicklung Siegfrieds sind dem Regisseur aber auch die Charaktere Alberich und Wotan wichtig. Beide wollen, ja geizen unentwegt beharrlich nach dem Ring, der eine strebt nach der Macht, der andere will sie nicht abgeben, beide werden von ihren Heeren begleitet, das hat man so noch nicht gesehen. Wotan als eine Art fahrender Rocker hat auch seine ergreifenden Seiten, wenn der Großvater zum ersten Mal den schlafenden Enkel in Mimes Behausung erblickt, wenn „dem ewig jungen in Wonnen der Gott weicht“. Aber so großartig sind diese Wonnen dann doch nicht für den ehemaligen Stürmebezwinger und Heervater, geknickt wie sein Speer, am Boden zerstört, bleibt er zurück, das sind wieder die Bilder, die unter die Haut gehen. Andererseits entzaubert Kratzers Regiearbeit das Stück, macht drastisch deutlich, dass Verbrechen aller Art das Geschehen im RING dominieren.

Und zum Schluss dann definitiv zu viel Klamauk, wenn Brünnhilde und Siegfried kindlich naiv die Spiegel im Königssaal mit grellbunten Farben beschmieren … Ein wenig durchwachsen gerät er letztendlich doch, dieser von Kratzer inszenierte SIEGFRIED, weckt aber enorm das Interesse am dritten Tag des RINGS bei den kommenden Opernfestspielen im Sommer 2027, wo zum Abschluss auch zweimal die gesamte Tetralogie gegeben wird und die Spannung auf das Ergebnis, wenn Wagners Bühnenfestspiel in dieser Produktion am Stück zu erleben ist, mehr und mehr steigt.

Themenschwerpunkte
Portait Thomas Rauchenwald
Thomas Rauchenwald
Autor des Blogs „Simply Classic“

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