Eine spannende Mischung im ersten philharmonischen Abonnement der neuen Saison

Esa-Pekka Salonen am Pult der Wiener Philharmoniker im ersten Abonnement 2026/27 © Thomas Rauchenwald

So gelingt ein Auftakt nach Maß. Die in allen Instrumentengruppen hervorragend aufgestellten Wiener Philharmoniker haben nach einem langen Festspielsommer in Salzburg, Luzern und anderswo im ersten Abonnementkonzert der neuen Saison 2026/27 Esa-Pekka Salonen, Dirigent des Orchesters seit 2008, ans Pult im Großen Musikvereinssaal in Wien gebeten – und gemeinsam überzeugen die Formation und der Orchesterleiter in der Matinee am 27. September 2026 restlos mit einem spannenden, ausgefallenen Programm.

Zu Beginn erklingt als Erstaufführung bei den Wiener Philharmonikern die 1993 uraufgeführte Symphonie Nr. 4 von Witold Lutoslawski, ein Werk der Moderne, das fest im internationalen Repertoire etabliert ist. Die lichten orchestralen Strukturen, die irisierenden Klangflächen, die schroffen Zerklüftungen und die kantablen Gesangsperioden werden vom Dirigenten höchst durchsichtig herausgearbeitet, fast herausgemeißelt, sodass das spannende Werk wie selbstverständlich daherkommt.

Vor der Pause ist dann noch La mer, Trois esquisses symphoniques von Claude Debussy, entstanden zwischen 1903 und 1905, in den Abonnementkonzerten 1946 erstaufgeführt, zu hören. Wie im ersten Stück dominieren auch hier Dynamik, Kraft, Leidenschaft und Transparenz, der Dirigent stattet die drei Abschnitte auch mit enormem Drive und vorwärtsdrängendem Zug aus, entfacht im zweiten Abschnitt beinahe einen orchestralen Meeressturm, steigert den choralhaften Schluss des dritten Abschnittes fast bis zum Rausch.

Bedauerlicherweise widmet sich das Orchester nur sehr selten der herb großartigen Symphonik von Jean Sibelius, umso freudiger wiegt die Tatsache, dass nach der Pause dann dessen Symphonie Nr. 5 Es-Dur op. 5 in der 1919 fertiggestellten dritten Fassung, in den Abonnementkonzerten 1968 unter Lorin Maazel erstaufgeführt, zu erleben ist. Der Zugang von Esa-Pekka Salonen strotzt nur so vor mächtiger Spannung, detailreich, in epischer Breite und herbstlich goldenen, dunklen Orchesterfarben erklingt die endlose Weite von Finnlands Wäldern und Seen, stimmen die Schwäne ihren großartigen Gesang im dritten Satz an. „Der erste Satz ist einer der besten Kopfsätze, die je komponiert wurden. Der Übergang zum Scherzo am Ende dieses Satzes passiert fast unmerklich, so wie wir nicht fühlen, wenn der Sommer endet, und der Herbst beginnt.“ – so der Dirigent zu diesem Werk: programmatischer kann es im ersten Abonnement der neuen Saison kurz nach Herbstbeginn wohl nicht zugehen. Und der gewaltige, reißende Orchesterstrom, den Salonen zum Schluss einer visionären, kraftstrotzenden Interpretation dieser herrlichen Symphonie in den Saal tönen lässt, wird lange in Erinnerung haften.

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Portait Thomas Rauchenwald
Thomas Rauchenwald
Autor des Blogs „Simply Classic“

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