Dem Mysterium auf der Spur – Rèmy Ballot und das Altomonte Orchester mit einer Neueinspielung der IX. Symphonie von Anton Bruckner

Neu auf CD bei Gramola: Bruckners IX. Symphonie unter Rèmy Ballot, live aufgenommen in St. Florian bei den Brucknertagen 2024

Sollte die Neunte in drei Sätze gegliedert werden? Hat Bruckner – bewusst oder unbewusst – die Gegensätze auf den Höhepunkt im dritten Satz hin ausgerichtet? Ist das Finale in seinem aktuellen Zustand vollendet? Sind die Kräfte, die im Finale entfaltet werden, dermaßen gewaltig, dass es Bruckner schier unmöglich war, weiterzumachen? … Diese Fragen werden wohl unbeantwortet bleiben.“ Treffender als Remy Ballot kann das Mysterium der IX., dem „lieben Gott“ gewidmeten, Symphonie von Anton Bruckner nicht beschrieben werden, als vom Dirigenten Rèmy Ballot, einem der maßgeblichen Bruckner-Dirigenten unserer Tage.

Mit dem Altomonte Orchester St. Florian versucht Ballot nun bereits zum zweiten Mal seit 2015 bei den St. Florianer Brucknertagen dem Mysterium dieses – vollendet unvollendeten – Werkes auf den Grund zu gehen. Die beiden Konzerte am 23. und 24. August 2024 wurden in der Stiftsbasilika live aufgenommen und kann das Ergebnis jetzt auf einer beim Label Gramola erschienenen CD nachgehört werden.

Beeindruckend von Beginn an, wie Dirigent und Orchester die akustischen Tücken der Basilika mit ihrem Nachhall von sechs bis zehn Sekunden beherrschen. Das Grundtempo ist dabei naturgemäß sehr langsam: bei diesem langsamen Tempo entfaltet die Musik ungemein mehr Reichtum und Dichte, weil größerer Reichtum eine langsamere Darbietung verlangt.

Ballot geht es vor allem um die weiten Strukturen dieser großartigen Musik. Die harmonische Instabilität dieses Werkes im Grenzbereich zu atonalen bzw. total-chromatischen Formen setzt er über den Maßen gelungen um. Bei großem, dennoch schwerelosem Klang, perfekt auf die Akustik der Stiftsbasilika abgestimmt und austariert, vermeidet er zwar weitestgehend das aufschreiend Schrille, was diese meisterhafte Partitur ebenso in sich birgt, dafür erlebt man episch weite, nie nachlassende, monumentale Spannungsbögen im Rahmen einer durch und durch überlegten Interpretation. Im Hinblick auf diese intellektuelle Gestaltung im Zeichen einer stets auf Akustik und Raum konzentrierten musikalischen Phänomenologie erscheint es überzeugend, gänzlich Abstand von straffem Orchesterspiel Abstand zu nehmen.

Besonders berührend gelingt Ballot das Ende im dritten Satz, Adagio. Langsam, feierlich, womit Bruckner „Abschied vom Leben“ genommen hat: Beim Klang der Hörner und Tuben über den zart pulsierenden Tremoli der Streicher vermeint man die Orgel der Stiftsbasilika St. Florian zu vernehmen, worunter Anton Bruckner seine letzte Ruhestätte gefunden hat.

Das Besondere an diesen Konzerten in St. Florian war zu Beginn, bevor die vollendeten Sätze eins bis drei der IX. Symphonie Bruckners erklangen, die Präsentation der erhaltenen Fragmente aus dem Finale, die in ihrer Rohfassung und ohne Bearbeitung gespielt wurden: Musik, die nur von Anton Bruckner selbst stammt, ohne Rekonstruktion fehlender Passagen und Takte bzw. der fehlenden Coda. Diese Fragmente des unvollendeten Finales sind ebenfalls auf der neuen CD festgehalten.

Hervorzuheben ist, dass auch die Tontechniker bei dieser Aufnahme hervorragende Arbeit geleistet haben.

Anton Bruckner, Symphonie IX, Finale-Fragmente; Altomonte Orchester St. Florian, Rèmy Ballot; Gramola, 99378.

 

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Portait Thomas Rauchenwald
Thomas Rauchenwald
Autor des Blogs „Simply Classic“

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