„Musik, die in den Schlaf wiegt und die singt, die aus neuem Blut besteht, aus sprechenden Gesten, einem unbekannten Duft, einem nicht schlafenden Vogel; Musik aus bunten Kirchenfenstern, ein Wirbel von Komplementärfarben, ein theologischer Regenbogen.“ – so definiert Olivier Messiaen selbst die rein musikalischen als auch die außermusikalischen Eigenschaften, die er als Komponist von sich selbst fordert und seinen Werken zuschreibt.
Diese Erklärung gilt auch für eines der wichtigsten Werke seiner ersten großen Schaffensperiode, das 1940/41 im Kriegsgefangenenlager Stalag VII A in Görlitz, Schlesien, entstandene „Quatuor pour la Fin du Temps“, deutsch „Quartett für das Ende der Zeit“. Die Komposition fundiert auf dem 10. Kapitel der Apokalypse des Johannes, das der tiefreligiöse Komponist seinem Partiturvorwort zur Kennzeichnung des Inhalts voranstellt. Zur Uraufführung gelangte das außergewöhnliche Werk im Jänner 1941 im bereits erwähnten Lager bei bitterster Kälte vor etwa 400 Kriegsgefangenen und der wohlwollenden Lagerleitung. Grund für die unübliche Quartett-Besetzung – Violine, Violoncello, Klarinette und Klavier – ist nur der Umstand, dass Messiaen unter seinen Mitgefangenen eben einen Geiger, einen Cellisten und einen Klarinettisten fand, den Klavierpart hat er selbst übernommen.
Im letzten Konzert im Zyklus Aventures der laufenden Saison 2025/26 haben sich im Schubert-Saal des Wiener Konzerthauses am 21. Mai 2026 nunmehr vier exzellente SolistInnen auf ihrem jeweiligen Instrument zusammengefunden, um dieses großartige Werk aufzuführen. Zu erleben im wahrsten Sinn des Wortes ist denn auch eine Interpretation, die durch eine außergewöhnlich ergreifende emotionale Intensität besticht, und die spirituelle Religiosität dieser Musik in irisierenden Farben leuchten lässt. Die Darbietung der – trotz aller Individualitäten ausspielenden – wunderbar abgestimmten, ganz im Einklang Musizierenden – Isabelle Faust (Violine), Jean-Guihen Queyras (Violoncello), Jörg Widmann (Klarinette) und Pierre-Laurent Aimard (Klavier) – vereint höchste Dramatik, wehmütige Melancholie, betörenden Zauber und tiefste Trauer. Messiaen wollte eine „schillernde, verfeinerte und wollüstige Musik“, die „zart oder heftig, voll Liebe und Ungestüm“ auch „die göttlichen und übernatürlichen Geheimnisse“ ausdrücken solle: er hätte mit dieser höchst eindringlichen Wiedergabe gewiss die größte Freude gehabt. Abgesehen von den perkussiven Klangkaskaden, die Pierre Laurent-Aimard aus dem Steinway-Flügel nahezu hämmernd herausmeißelt, begeistert Widmann auf seinem Instrument mit betörenden wie virtuosen Klängen im, nur für die Klarinette gesetzten, dritten Satz; die herrlich gespielten Soli in den Sätzen fünf – Queyras auf seinem Violoncello von Antonio Stradivari aus 1707 – und acht – Isabelle Faust auf ihrer Violine „Sleeping Beauty“ aus 1704, ebenfalls von Stradivari – kommen tiefgründigen Meditationen gleich. Begeisterter Applaus von einem überaus aufmerksamen, konzentriert zuhörenden Publikum, in dem erfreulicherweise auch viele junge Leute zu sehen waren.
Vor der Pause des klug programmierten Konzertes stand die „Sonate für Violine und Violoncello“ von Maurice Ravel im Zentrum, die edlen, kostbaren Streichinstrumente machen auch diese Interpretation zu einem Leckerbissen. Umrahmt wird das selten gespielte Werk von zwei spannend gespielten, kammermusikalischen Miniaturen: Zu Beginn „Vier Stücke für Klarinette und Klavier“ op. 5 von Alban Berg, am Ende der ersten Teils „Epigrams“ für Klaviertrio von Elliott Carter. Vor allem die Auseinandersetzung mit letzterem Stück war eine lohnende, den musikalischen Horizont erweiternde Erfahrung.