Mahlers Kosmos volltönend im Wiener Konzerthaus: Andris Nelsons mit der VIII. Symphonie

Andris Nelsons mit einer bewegend beeindruckenden Deutung von Mahlers VIII. Symphonie im Wiener Konzerthaus © Antonia Wechner

Gustav Mahler selbst nannte seine im September 1910 in München uraufgeführte Symphonie Nr. 8 Es-Dur eine „Botschaft der Liebe in liebloser Zeit“. Und wenn am Abend des 11. Mai 2026 bei diesem Werk, eingegangen in die Musikgeschichte als „Sinfonie der Tausend“, „nur“ 371 Mitwirkende auf dem Podium des Wiener Konzerthauses Platz genommen haben, meint man doch in dieser Interpretation einen volltönenden Kosmos zu vernehmen: Dirigent Andris Nelsons hat sich intensiv und tiefschürfend mit diesem Werk befasst, und mit seiner beeindruckenden Interpretation genau das umgesetzt, was der Komponist an Willem Mengelberg im August 1906 geschrieben hat: „Ich habe eben meine Achte vollendet. Es ist das größte, was ich bis jetzt gemacht habe, und so eigenartig in Inhalt und Form, daß sich darüber gar nicht schreiben läßt. Denken Sie sich, daß das Universum zu tönen und zu klingen beginnt. Es sind nicht mehr menschliche Stimmen, sondern Planeten und Sonnen, welche kreisen. …“

Dem ist nicht viel hinzuzufügen. Leidenschaftlich, leuchtend, mit fein ausdifferenziertem wie gleichsam strahlendem Klang der blendend aufgestellten Wiener Philharmoniker und der prächtig schallenden Chormassen führt der lettische Dirigent durch das Werk. Ungemein stark, unter Hochspannung, gelingt ihm die Orchestereinleitung zum zweiten Teil, dem Pfingsthymnus des erstens Teil verleiht er die nötige Religiösität, dem zweiten Teil, der Schlussszene aus Goethes FAUST II eine unbeschreibliche Mystik. Im wunderbaren Großen Saal des Wiener Konzerthauses ist so eine bewegende Interpretation dieses Werkes, worauf die Bezeichnung „Symphonie“ nicht zutrifft und womit Mahler eine Kantate bzw. eine Art Oratorium mit überleitenden Instrumentalpartien komponiert hat, zu erleben.

Unterstützt wird Andris Nelsons bei seiner einnehmend überzeugenden Gangart, der auch bewusst romantisches Schwelgen innewohnt, neben dem bereits genannten Orchester, von Jacquelyn Wagner (Sopran I / Magna Peccatrix), Sarah Wegener (Sopran II / Una Poenitentium), Ying Fang (Sopan / Mater Gloriosa), Beth Taylor (Alt I / Mulier Samaritana), Tamara Mumford (Alt II / Maria Aegyptiaca), Benjamin Bruns (Tenor / Doctor Marianus), Michael Nagy (Bariton / Pater Ecstaticus) und Tareq Nazmi (Bass / Pater Profundus) als GesangssolistInnen, dem Wiener Singverein (Johannes Prinz), der Wiener Singakademie (Heinz Ferlesch), und den Wiener Sängerknaben (Jimmy Chiang und Manuel Huber). Die besten Leistungen, was die SolistInnen betrifft, erbringen dabei der in gleißend stratosphärischen Höhen angesiedelte Sopran von Jacquelyn Wagner, der reiche, satte Alt von Beth Taylor, und der metallisch glänzende Tenor von Benjamin Bruns.

Gustav Mahler, dieser begnadete Operndirigent, hat selbst keine Oper komponiert. Mit seiner „Achten“ erhält er den Universalanspruch der Gattung Symphonie aufrecht, indem er in diesem Werk alle Möglichkeiten der Musik zu integrieren versucht, vom kleinen Charakterstück bis zum Musikdrama. Kein Werk hat er irgendwem gewidmet, nur die VIII. Symphonie seiner „lieben Frau Alma Maria“ – und auch dieses „ewig weibliche“ ist in der Deutung von Andris Nelsons zu vernehmen.

Stehende Ovationen zum Schluss im Wiener Konzerthaus.

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Portait Thomas Rauchenwald
Thomas Rauchenwald
Autor des Blogs „Simply Classic“

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