Die späten Streichquartette von Ludwig van Beethoven sind hochsensible wie hochkomplizierte Musik, immer eine starke Herausforderung für die ZuhörerInnen wie für die Ausführenden. Im Brahms-Saal im Wiener Musikverein bleiben am 21. April 2026 im Zyklus „Internationale Streichquartette“ im Rahmen des Musikverein Festivals „Beethovens Spazierstock“ bedauerlicherweise viele Plätze leer, wenn sich das Juilliard String Quartet als Hauptwerk im zweiten Teil des Konzertes des 1825 entstandenen Streichquartettes Nr. 15 a-moll op. 132, des letzten der drei „Galitzin“-Quartette von Beethoven, annimmt.
Und die aktuelle Formation – Areta Zhulla (Violine I), Leonard Zu (Violine II), Molly Carr (Viola), Astrid Schween (Violoncello) vermag in allen Belangen vollends zu überzeugen. Die Interpretation ist ungemein reif, tiefschürfend, ausgewogen in Tempo und Phrasierung, mit einem enorm breiten Spektrum an Dynamik. Die vier MusikerInnen spielen mit ungeheurer Tonschönheit, edel, klar im Klang, der auch herb dramatisch wird, wo es erforderlich ist. Die Aufführung des großartigen Werkes gerät ausdrucksstark, bewegend, wunderbar fließt der kolossale vierte Satz, „Heiliger Dankgesang eines Genesenen an die Gottheit“, man vermeint, die vier Streicher förmlich singen zu hören. Das Spitzenensemble beeindruckt, begeistert mit Musikalität höchster Intensität: deren Präzision im Spiel ist nie Selbstzweck, sondern entspricht einem werkimmanenten, durchdacht entschlossenen Ansatz. Berechtigter Publikumsjubel zum Schluss. Als Zugabe dann noch der fünfte Satz aus Beethovens Streichquartett Nr. 13 B-Dur op. 130, eine lyrisch ausdrucksstarke Cavatina, für den Komponisten selbst die „Krone aller Quartettsätze“ und sein „Lieblingsstück“, ebenso sehr klang- wie gesangvoll gespielt.
Im ersten Teil vor der Pause gibt es das kurze, 1960 komponierte Streichquartett Nr. 7 fis-moll op. 108 von Dmitri Schostakowitsch, ein subjektives Bekenntniswerk, eine erschütternde Totenklage in memoriam Nina Veruschka, der ersten Frau des Komponisten, ebenso hervorragend aufgeführt.
Und, als Erstaufführung in Österreich, das interessante zweite Streichquartett der – im Auditorium anwesenden – irakisch amerikanischen Komponistin Michelle Barzel Ross, „Birds on the moon“, das in fünf attacca aufeinander folgenden Sätzen über das ebenfalls fünfteilige Quartett op. 132 von Beethoven reflektiert. Ohne Pause geht da auch ein Fragment des Präludiums Es-Dur BWV 852 von Johann Sebastian Bach, für Streichquartett von Ross bearbeitet, pausenlos in den Beginn des Quartetts dieser Komponistin über. Mit diesem ansprechenden Werk ehrt das Juilliard String Quartet weiterhin sein reiches Erbe innovativer Auftragswerke im Rahmen des Projektes „Letters to Ludwig“, einem zutiefst persönlichen, mehrjährigen Auftragsprojekt, worin sich lebende KomponistInnen mit Beethovens späten Quartetten auseinandersetzen.