Eine sanfte, berührende JOHANNES-PASSION von Johann Sebastian Bach im Konzerthaus Berlin

Ausführende nach der Johannes-Passion von Johann Sebastian Bach im Konzerthaus Berlin © Thomas Rauchenwald

Stand sie früher oft im Schatten der kontemplativen Matthäuspassion, erfährt sie in der neueren Zeit ihre Würdigung im Hinblick auf die besondere Dramatik ihrer Turba-Chöre, die bildhafte Umsetzung des Evangeliumtextes und den farbigen Reichtum ihrer Arien – die Johannes-Passion, BWV 245, von Johann Sebastian Bach. Im Rahmen eines Sonderkonzertes stand das ausdrucksstarke Werk im wunderschönen Großen Saal des Konzerthauses Berlin am 30. März 2026 auf dem Programm.

Der RIAS Kammerchor Berlin wurde in den Chorälen 3, 14, 15, 22 und 40 unterstützt vom Chor I des Vicco-von-Bülow-Gymnasiums, als Orchester aufgeboten war die Akademie für Alte Musik Berlin, Dirigent war Justin Doyle, seit der Saison 2017/18 als Chefdirigent und Künstlerischer Leiter des eingangs genannten Chores tätig.

Herrlich transparenter, schwebender Chorgesang ist da zu hören; mag sein, dass in der sanft milden Gangart Doyles die dem Werk innewohnende Dramatik ein wenig in den Hintergrund gerät, das bewegende Werk berührt derart denn ungemein. Der schwere Eingangschor Herr, unser Herrscher klingt weniger düster als sonst, der elegische Chorsatz am Schluss Ruht wohl, ihr heiligen Gebeine kann so seinen ganzen Schmerz wie hoffnungsvolle Zuversicht entfalten. Die Chorpartien geraten subjektiver, persönlicher als sonst, wodurch die meisterhaften Turbachören der Passion weniger anonym klingen. Es singen Menschen aus Fleisch und Blut, die uns das Geschehen – die Schilderung der Leidensgeschichte Jesu Christi nach dem 18. und 19. Kapitel aus dem Evangelium nach Johannes – unmittelbar nahebringen: das Auditorium erlebt deutlich jenen Christus, der sich für die Welt hingibt, opfert und damit der Menschheit ihre Sünden nimmt.

Hingegen klingen die SolistInnen weniger individuell. Über hohes stimmliches wie starkes Ausdrucksniveau verfügen lediglich Benedikt Kristjànsson, Tenor, als Evangelist, Martin Häßler, Bass, als Jesus, und die Sopranistin Katharina Konradi. Sarah Romberger, Alt, Julian Habermann, Tenor, und Marcus Farnsworth, Bass, können da bedauerlicherweise nicht mithalten, zu eindimensional, bisweilen überanstrengt, klingen ihre Stimmen.

Doyles Interpretation überzeugt mehr durch ihre Schlichtheit und Klarheit, die Einzelstimmen im Orchester kommen hervorragend zur Geltung, alles kommt ohne falsches, aufgesetztes Pathos aus, der Text wird äußerst klar und verständlich vorgetragen. Dazu kommt das warme Orgel- und Cembalospiel von Raphael Alpermann und die hervorragenden SolistInnen bei den Arien als nicht zu vernachlässigende Pluspunkte dieser Aufführung.

Eigentlich sollte man nach dieser Musik nicht applaudieren. Die Ausführenden haben sich den starken Applaus vom Publikum aber mehr als verdient.

Unbedingt noch zu erwähnen ist die sichtbare Freude am gemeinsamen Musikmachen des genannten Gymnasialchores, dessen besonderer Schwerpunkt auf der kontinuierlichen Beschäftigung mit Alter Musik liegt, und der als Patenchor des RIAS Kammerchores Berlin fungiert.

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Portait Thomas Rauchenwald
Thomas Rauchenwald
Autor des Blogs „Simply Classic“

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