Mit eiserner Disziplin trotzt er seinen gesundheitlichen Problemen, das Dirigieren lässt er sich dennoch nicht nehmen, am 22. Februar 2022 leitet er ein Konzert des 1999 von Daniel Barenboim und Edward Said ins Leben gerufene West-Eastern Divan Orchestra im Großen Saal des Wiener Musikvereins – Zubin Mehta, beinahe 90jährig, Ehrenmitglied der Gesellschaft der Musikfreunde Wien, bereits zu Lebzeiten eine Dirigentenlegende.
Schon zu Beginn des Konzertes lässt er das Orchester mit der Ouvertüre zur Oper „Rienzi“ von Richard Wagner groß aufspielen: Mehta, ein Wagner-Dirigent erster Klasse, weiß das effektvolle Stück so richtig zu zelebrieren. Spannungsgeladen, in breiten, getragenen Tempi, die Tremoli fast schon überbordend betonend, dann die Symphonie Nr. 8 F-Dur op. 93 von Ludwig van Beethoven. Bereits nach dem ersten Teil dankt das Publikum Altmeister Mehta mit stehenden Ovationen.
Dirigent und Orchester legen ihre ganze Energie dann nach der Pause in das Hauptwerk des Abends, die Symphonie Nr. 4 f-moll op. 36 von Peter Iljitsch Tschaikowsky, ein Werk mit durch und durch elegischer Grundhaltung, vom Komponisten als seine „beste“ Symphonie bezeichnet. Das in allen Gruppen sehr gut disponierte Orchester musiziert dieses Stück unter der sparsamen Zeichengebung Mehtas höchst konzentriert, intensiv, kraftvoll, klangschön und vor allem dramatisch. Präzision wie Seele klingen in dieser Aufführung durch. Beeindruckend, was für ein herausragender Dirigent Zubin Mehta immer noch ist: ausgezeichnet vermittelt er die betörenden Klangfarben wie die betonte Dramatik dieses Werkes. Das Orchester setzt dies gekonnt um, Mehta findet im Verlauf des Stückes auch zu einer gewissen Flüssigkeit, vielleicht geraten die Blechbläser ein wenig zu grell und laut. Sei’s d’rum: man hört Tschaikowsky an diesem Abend athletisch stark. Der Jubel des Publikums braust unmittelbar nach Ende des Werkes auf, stehende Ovationen auch am Schluss.
Nach dem Konzert liegen sich die MusikerInnen am Podium in den Armen: würden dies die Menschen in Israel und Palästina ebenso pflegen, die Welt wäre um vieles friedensreicher.